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Kroatische Nationalisten protestieren in Vukovar gegen die Einführung von kyrillischen Amtstafeln für die serbische Minderheit. Sie verbinden mit der Schrift Gebietsansprüche.

Foto: AP/Vojinovic

Je stärker man gegen etwas ankämpft, desto mehr Raum nimmt es ein. Seit kroatische Nationalisten gegen kyrillische Amtstafeln für die serbische Minderheit auftreten, tauchen in Kroatien immer mehr kyrillische Graffiti auf. An Häuserwänden in Zagreb ist etwa "Vukovar ist nicht Bykobap"  zu lesen. Kyrillisch wird so ironischerweise selbstverständlicher.

Tatsächlich ist die Ćirilica weder eine Kriegsschrift noch etwas ausnahmslos "Serbisches"  oder "Orthodoxes" , wie dies manche kroatische Nationalisten glauben. So gibt es etwa auch eine kroatische Ćirilica, die vor allem von den katholischen Franziskanern verwendet wurde, insbesondere in Bosnien-Herzegowina. Dort heißt sie denn auch Bosančica. Berühmt sind etwa die Grabsteine (stećci) mit Bosančica-Inschriften. Auf einem Stein steht: "Bitte störe mich nicht, ich war wie du, und du wirst wie ich sein."

In Kroatien wurde die Ćirilica vor allem in Dalmatien verwendet, in der Republik Poljica (die vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert existierte) gab es eine eigene Form: die Poljičica. Südosteuropa ist überhaupt reich an Schriften, was auf die Herrschaftsverhältnisse, die Vielfalt der Religionen und die Lage an der Peripherie der Machtzentren zurückgeführt werden kann. Eine Politik der Vereinheitlichung und Kontrolle war hier schwieriger.

Slawisch auf Arabisch

Insbesondere in der osmanischen Zeit und vor allem im kulturell reichen Bosnien-Herzegowina existierten ganz verschiedene Schriften. Die Beis, also der islamische Adel, schrieb die Begovica, auch eine Form der Ćirilica. Neben Griechisch, Lateinisch und Hebräisch verwendeten die Muslime in Bosnien-Herzegowina auch Arabisch. Deshalb entstand das "Alhamijado" : Dabei wurde die bosnische Sprache in arabischen Buchstaben festgehalten. Die Schrift heißt Arebica.

"Offiziell wurde Türkisch verwendet, aber Persisch in der Poesie" , erzählt der Wissenschafter Josip Raos von der Universität Sarajevo. "Die besten Texte wurden in Persisch, Türkisch und Arabisch geschrieben."  Die sephardischen Juden, die aus Spanien vertrieben wurden und in Sarajevo eine Heimat fanden, sprachen zudem "Ladino" , die romanische Sprache der Juden, die in der Raschi-Schrift festgehalten wurde.

"Die Bosančica ist wiederum eine schnell geschriebene, also kursive Ćirilica" , erklärt Raos. "Die Schrift ist eng mit der bosnischen Kirche verbunden, und das wurde später politisiert."  Nationalisten aller Seiten (Serben, Kroaten, Bosniaken) versuchten ihre Narrative damit zu untermauern. Der Grund für die Beliebtheit der Ćirilica ist hingegen einfach und einleuchtend: Weder das lateinische noch das griechische Alphabet haben Buchstaben für alle slawischen Laute. Deshalb ließ etwa der Franziskaner Matija Divković (1563–1631) Bücher in Venedig in Bosančica drucken. "Es ging den Franziskanern darum, die Sprache des Volkes für die Missionierung zu verwenden" , erklärt Raos.

Auf diese Idee waren ein paar Jahrhunderte zuvor bereits zwei andere gekommen: Kyrill und Method wollten im neunten Jahrhundert die Slawen missionieren. Und dazu verwendeten sie die slawische Sprache. "Die Idee war: Der Hirte muss so riechen wie sein Schaf" , erklärt Marica Čunčić. "Eigentlich war es ein südmazedonischer Dialekt, der da von zwei Griechen zur Altkirchensprache gemacht wurde. Jedenfalls wurde dieser sowohl in Mähren als auch auf dem Balkan verstanden. Damals lagen die slawischen Sprachen noch nicht so weit auseinander wie heute" , meint Čunčić. Die Forscherin sitzt in einem wunderschönen Gebäude im Institut für Altslawisch in der Oberstadt von Zagreb. Auf dem Tisch stapeln sich große, dicke Bücher, an der Wand hängt ein Stein mit einem unentzifferbaren Gekritzel darauf: der Glagoliza.

Geheimnisvolle Glagoliza

Čunčić glaubt, dass die Glagoliza von Kyrill selbst erfunden wurde. Tatsächlich handelt es sich um die älteste slawische Schrift mit stark christlicher Symbolik. Čunčić hat ihr Leben diesen seltsamen Schriftzügen gewidmet. Die Glagoliza ist, anders als die Ćirilica, die sich stark am griechischen Alphabet orientiert, etwas Einzigartiges. "Als ich einmal nicht mehr weiterkam bei der Forschung, habe ich zum heiligen Kyrill gebetet", so Čunčić. "Warum ist das so geheimnisvoll?"

Sie beschäftigte sich da gerade mit einer glagolitischen Inschrift aus Krk. "Und dann erkannte ich plötzlich: Mein Gott, es gibt eine imaginierte Mittellinie! Ich habe kapiert, dass es nicht zufällig ist, dass die Buchstaben manchmal so weit oben oder unten stehen."

Die Glagoliza hat sich in Teilen Kroatiens bis ins 20. Jahrhundert als Schrift der katholischen Kirche erhalten. "Sie war so wie die Ćirilica für Slawen einfach besser geeignet als die lateinische Schrift, und die Liturgie konnte durch die Glagoliza in slawischer Sprache abgehalten werden." In Rom sei man gar nicht froh gewesen darüber, weil man diese Schrift und Sprache nicht kontrollieren konnte, so Čunčić. Als mit dem Zweiten Vatikanum dann erlaubt wurde, Messen in der Landessprache abzuhalten, hätten die kroatischen Bischöfe gesagt: "Wir haben schon längst die Messe in nationaler Sprache."  1927 wurde das letzte Messbuch in glagolitischer Schrift geschrieben.  (Adelheid Wölfl aus Zagreb /DER STANDARD, 4.11.2013)