Budapest - Wer verstehen möchte, warum das Verhältnis zwischen den österreichischen Banken und der ungarischen Regierung derart angespannt ist, muss György Doubravszky treffen. Der Mittvierziger ist einer der Direktoren der ungarischen Notenbank, er verantwortet dort die Agenden für Konsumentenschutz. Doubravszky empfängt seine Gäste in einem gläsernen Bürohaus unweit des Südbahnhofs in Budapest. Ein freundlicher Händedruck, ein wenig Smalltalk, dann will er gleich zur Sache kommen: "Warum frage ich Sie, hat ein Institut wie zum Beispiel die Erste Bank ihre Geschäftsethik in dem Moment über Bord geworfen, als sie über die Grenze kam?"

Ein Notenbanker, der klingt wie ein Anti-Banken-Aktivist, ein Konsumentenschützer, in dessen Wartezimmer Schuldner in Tränen ausbrechen, Bankenvertreter, die sich wegen der Regierungspolitik in Ungarn nur noch ungläubig die Augen reiben können: Ein Lokalaugenschein in Budapest ist eine Reise in ein Land, das seit fünf Jahren in der Krise feststeckt und keinen Ausgang findet.

Ausweglose Misere

Eine der Hauptursachen für die Misere und größter Streitpunkt zwischen Regierung und Finanzindustrie sind die Fremdwährungskredite. Wegen der hohen Zinsen für Forintdarlehen haben die Ungarn nach der Jahrtausendwende ihre Kredite in Fremdwährungen, allen voran in Schweizer Franken aufgenommen. Gekauft wurden Häuser, Autos, Kühlschränke - rund eine Million Menschen, jeder zehnte Ungar, hat sich in Devisen verschuldet. Mit Ausbruch der Krise kollabierte das Modell: Der Forint verlor an Wert, der Franken erstarkte. Weil Einkommen in Forint bezahlt werden, Bankraten aber in Franken fällig sind, spüren die Haushalte jede Kursschwankung. Für jemanden, der sich etwa im November 2007 einen Frankenkredit nahm, verteuerte sich die monatliche Ratenzahlung um stolze 60 Prozent.

Doch die Schwankungen sind nicht das einzige Problem. In den ungarischen Verträgen fehlten oft Bestimmungen darüber, wie und wann die Bank die Zinsen für ein schon vergebenes Darlehen anheben darf. Deswegen spricht der Notenbanker Doubravszky blumig davon, dass die westeuropäischen Banken, darunter die Erste und Raiffeisen als große österreichische Player, "ihre Geschäftsprinzipien zu Hause gelassen haben".

Höhere Zinsen

Tatsächlich sind die Zinssätze für Frankenkredite stark gestiegen, die Institute begründen das mit dem risikoreichen Umfeld in Ungarn. Die ausländischen Mutterbanken können an dieser Entwicklung gut verdienen, denn sie holen sich die Franken bei der Schweizer Notenbank zu einem Zinssatz von beinahe null Prozent. Aber ist es nicht zu einfach, auf die Banken zu schimpfen, trägt die Politik nicht eine Mitschuld, weil solche Verträge erlaubt waren? "Sicher, Konsumentenschutz hat es in Ungarn vor der Krise kaum gegeben", sagt Doubravszky, "aber die Kunden haben den Banken vertraut, und dieses Vertrauen wurde missbraucht."

Das zerrüttete Verhältnis zwischen Banken und Bürgern fällt inzwischen zunehmend auf die Kreditinstitute zurück. Rund ein Dutzend Rettungspakete hat die Regierung für überschuldete Haushalte bereits geschnürt (siehe Wissen). Da in bestehende Verträge eingegriffen wurde, sprachen Banker von einem Rechtsbruch. Am Dienstag hat das Parlament dennoch ein weiteres Hilfspaket verabschiedet, das allen Schuldnern ermöglichen soll, ihre Raten fünf Jahre lang zu einem künstlich festgelegten, günstigen Wechselkurs zurückzuzahlen.

Fiktiver Wechselkurs

Die Differenz zwischen realem und fiktivem Kurs muss von den Kunden später voll zurückgezahlt werden. Die konservative Fidesz-Regierung hat bereits angekündigt weitere Hilfspakete zu schnüren. Am Ende könnte die Zwangskonvertierung der Immobiliendarlehen in Forint stehen. Viel steht auf dem Spiel: Nach Schätzungen würde dies die Banken mehr als drei Milliarden Euro kosten. Im Frühjahr 2014 wird in Ungarn gewählt, weshalb die Regierung unter Druck steht, Ergebnisse vorzulegen.

Bisher haben die Rettungsaktionen wenig bewirkt. 40 Prozent der in Franken vergebenen Immobilienkredite werden nicht pünktlich bedient (bei den Forintdarlehen ist der Wert nicht einmal halb so groß). Weil der Rest der Schuldner mit Ratenzahlungen beschäftigt ist, leidet der Konsum und damit das Wirtschaftswachstum. Für die Banken gibt es zudem eine zweite Front: In den vergangenen Monaten haben Gerichte gleich mehrere Darlehensverträge wegen strittiger Klauseln rückwirkend gekippt. Den Instituten droht also eine Klagewelle.

Lieber anonym

An dieser Stelle würde man gerne wissen, wie die Banker über das Problem denken. Zwei Branchenvertreter sind in Budapest zu einem Gespräch bereit; weil die Materie heikel ist, bestehen sie auf Anonymität. Ja, es habe vor 2008 Exzesse gegeben, aber die Fehlentwicklungen seien korrigiert worden. Beinahe jeder zweite Darlehensvertrag in Ungarn sei inzwischen zugunsten der Kunden abgeändert worden. Die Zahl der faulen Kredite steige zudem wegen der Einmischung der Regierung stetig an: Viele Kunden bedienen ihre Raten einfach deshalb nicht, weil sie darauf spekulieren, dass ihnen der Staat hilft.

Weil sein Institut direkt angesprochen wurde, antwortet schließlich auch Radovan Jelasity, Chef der Erste Hungary, auf die Angriffe: Die Erste habe ihre Kunden gebührlich über die Risiken der Devisengeschäfte aufgeklärt, die Prinzipien der europäischen Geschäftsethik habe man nie verletzt. Seit 2009 ist zudem festgelegt, wie und wann die Kreditzinsen bei Darlehen steigen dürfen - und an diese Regeln halte man sich natürlich. (András Szigetvari, DER STANDARD, 6.11.2013)