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Mit einem millionenfach verteilten Fragebogen versucht der Vatikan erstmals, den Ist-Zustand in Sachen Ehe, Familie und Sexualität zu ermitteln.

Foto: AP/Claudio Peri

Es ist eine in der Kirchengeschichte einmalige Initiative. Und sie trägt die deutliche Handschrift des Papstes. Eine weltweite Befragung der Katholiken sorgt für Aufsehen, weil sie Themen anspricht, die bisher bei der Kirchenführung als Tabu galten: gleichgeschlechtliche Ehen, Adoptionsrecht für homosexuelle Paare, Empfängnisverhütung.

Mit einem millionenfach verteilten Fragebogen versucht der Vatikan erstmals, den Ist-Zustand in Sachen Ehe, Familie und Sexualität zu ermitteln und Näheres über die Bedürfnisse und Erwartungen der Gläubigen zu erfahren. Einem Pragmatiker wie Franziskus, der Homosexualität nicht als Entartung verurteilt, ist durchaus klar, dass in Fragen der kirchlichen Sexualmoral Theorie und Praxis weit auseinanderklaffen. Nun will er erfahren, was die Gläubigen vom "Zusammenleben ad experimentum" halten. Mit der Befragung reagiert der Vatikan auf "noch nie da gewesene Problematiken", "von der Verbreitung faktischer Lebensgemeinschaften bis hin zu Verbindungen von Personen desselben Geschlechts, denen nicht selten die Adoption von Kindern gewährt wird".

Zu den neuen Situationen zählt der Vatikan auch "konfessionsverschiedene Ehen, Familien mit nur einem Elternteil, Polygamie, arrangierte Ehen, das Kastensystem, die Kultur des nicht verpflichtenden Ehebandes, Formen des der Kirche feindlich gesinnten Feminismus und Leihmütterschaft".

Der Fragebogen mit ausführlicher Einleitung ist anspruchsvoll und enthält neun Themenfelder mit 38 Fragen, deren Beantwortung erheblichen Zeitaufwand erfordert. Etliche Fragen könnten einfache Gläubige überfordern: "Auf welche Weise wird in Theorie und Praxis das Naturrecht in Bezug auf die Verbindung zwischen Mann und Frau im Hinblick auf die Bildung einer Familie bestritten? Wie wird es in den zivilen und kirchlichen Einrichtungen dargelegt und vertieft?"

Komplexe Fragestellung

Nach Inhalt und Komplexität richten sich die Fragen eher an theologisch geschulte Ansprechpartner. Wer sie beantworten soll, können die Ortskirchen entscheiden. Während die Bischofskonferenz in England und Wales den Fragebogen so bearbeitet hat, dass er im Internet ausgefüllt werden kann, befürworten andere eine Beantwortung durch Gruppen in den Pfarreien und Diözesen.

Die römisch-katholische Kirche in Österreich will mit dem Familien-Fragebogen des Vatikans "so offen wie möglich" umgehen. Das kündigte Kardinal Christoph Schönborn am Freitag in einer Pressekonferenz in Wien an. Das Dokument wurde daher auf der Webseite der Bischofskonferenz veröffentlicht. Der Fragenkatalog richte sich dezidiert in erster Linie an die Bischöfe, so Pressesprecher Paul Wuthe. Deren Aufgabe sei es, "ein Prozedere zu entwickeln, wie die Fragen zur Kirchenbasis hineingetragen und das Echo kanalisiert und dokumentiert werden kann".

Doch die Frage der Adressaten bleibt nicht das einzige Problem: Die Auswertung könnte relativ kompliziert werden, da die Antworten beliebig lang ausfallen können. Zudem ist die verbleibende Zeit relativ kurz. Die Ergebnisse sollen dem Vatikan bereits Anfang Jänner vorliegen. Sie sollen in einen Text einfließen, der der außerordentlichen Bischofssynode im kommenden Jahr als Arbeitsinstrument dienen soll.

Eine theologisch unproblematischere Entscheidung hatte Kardinal Schönborn am Freitag auch zu verkünden: Das "Gotteslob", das Gebets- und Gesangsbuch für den Gottesdienst, wird nach fast 40 Jahren neu aufgelegt. 3,6 Millionen Exemplare werden gedruckt. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, 9.11.2013)