Wien – Heute gehört nicht mehr viel dazu, Bertolt Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder" aufzuführen. Die ideologischen Schlachten der Nachkriegszeit sind allesamt geschlagen. Europa hält sich heute die Auseinandersetzungen mit Stacheldrahtzäunen und Gesetzen vom Leib.

Es gehört sehr viel dazu, die Geschichte der Marketenderin Anna Fierling so wie Regisseur David Bösch zu erzählen. Seine Brecht-Aufführung ist ein Wintermärchen. Die Gardine ist einem Traumvorhang gewichen. Auf der Burgtheater-Bühne wird der berühmte Rundhorizont der Berliner Modellaufführung zitiert, aber er ist ins uferlos Schwarze nachgedunkelt und mit Kinderzeichnungen wie aus der Therapiestunde bedeckt (Ausstattung: Patrick Bannwart).

Den epischen Ton, den Zeige- und Beweiszwang der Brecht-Epigonen hat Bösch famos aufgehoben. Er erzählt die Courage-Chronik als Ballade, aber die Strophen werden wie von einem träumenden Kind ungläubig gestammelt. Maria Happel lässt als Courage im Carmen-Look mit Kupfergürtel ihre tausendfach erprobte Virtuosität getrost beiseite. Das Verderben, in das ihre Kinder nacheinander stürzen, enthält zögernde und retardierende Elemente. Aus Gesten und Vokabular von Eilif (André Meyer) und Kattrin (stumm: Sarah Viktoria Frick) spricht eine von Grund auf gesunde Naivität. Die Courage, das zu Tode geschundene Zugpferd des epischen Theaters, erstrahlt wie neu. So, poetisch neu befragt, besitzt auch Brecht, der ewige Rechthaber, wieder eine Chance.

Eine, trotz kleinerer Einwände, gewaltige Leistung, die noch mehr Burg-Applaus als den sehr höflichen vertragen hätte. (Ronald Pohl/, DER STANDARD, 9.11.2013)