Ein Land, in dem gefoltert wird, kann niemals EU-Mitglied werden. Mit dieser Bemerkung sorgte Premierminister Jean-Claude Juncker 1997 für eine diplomatische Krise. Unter seinem Vorsitz war es beim EU-Gipfel in Luxemburg darum gegangen, ob die Türkei – wie zehn Beitrittswerber aus Osteuropa, Malta und Zypern – den Status eines Beitrittskandidaten bekommen kann. Der EU-Präsident sprach aus, was andere dachten: Nein.

Ministerpräsident Mesut Yilmaz drohte mit "Eiszeit" , scharfen Konsequenzen durch sein Land, einem wichtigen Nato-Partner. US-Präsident Bill Clinton schaltete sich telefonisch ein, um die Gemüter zu beruhigen. Am Bosporus hatte in den 1990ern das Militär die Führung fest in der Hand. Folter galt als legitimes Mittel, um Gegner zu drangsalieren.

Sie kamen ohne rechtsstaatliches Verfahren ins Gefängnis – Kurden oder religiös motivierte Aktivisten wie der AKP-Oppositionelle Tayyib Erdogan. Es gab noch die Todesstrafe. 2013 ist Juncker noch immer Regierungschef. Die Welt und die EU sehen völlig anders aus. Aber die Beziehung zur Türkei bleibt angespannt. 1999 bekam sie Kandidatenstatus. Seit 2005 wird über den EU-Beitritt verhandelt – 2010 unterbrochen wegen der Zypern-Frage. Vergangene Woche wurden die Gespräche trotz der Polizeigewalt gegen Demonstranten im Gezi-Park im Juni wieder gestartet.

Man verhandle, aber ein baldiger EU-Beitritt sei ausgeschlossen, heißt es in Brüssel. Es zieht sich, offiziell wegen rechtsstaatlicher Zweifel – was Erdogan giften dürfte: Er hatte 2004 als Premier die Todesstrafe abgeschafft, Justizreformen eingeleitet, das Militär entmachtet. Deutschland und Frankreich haben Bedenken. Die EU wäre ökonomisch und institutionell kaum fähig, ein so großes Land aufzunehmen, ohne die Integration zu gefährden. Den Briten gefiele das. Eine Sorge treibt aber alle um: dass die Türkei vom Laizismus in den Islamismus kippt.  (Thomas Mayer aus Brüssel/DER STANDARD, 11.11.2013)