Anlässlich einer Gedenkveranstaltung erinnerte Bundespräsident Heinz Fischer am Sonntag an die Mitverantwortung der österreichischen Zivilgesellschaft für die Novemberpogrome, denn die meisten Menschen hätten weggesehen, geschwiegen oder sich sogar selbst an den Verbrechen beteiligt: "Was vor 75 Jahren im Herzen Wiens geschah, was sich Wienerinnen und Wiener in einer Hauptstadt abendländischer Kultur zuschulden kommen ließen, ist eine Schande, die nicht vergessen werden kann und nicht vergessen werden darf." Ähnliche Erklärungen gab es in den vergangenen Tagen, unter anderem auch von Bundespräsident Joachim Gauck in Deutschland. Fernsehsender und Zeitungen in Deutschland und Österreich zitierten Zeitzeugen und brachten beklemmende Berichte über brennende Synagogen und die brutale Hetzjagd gegen die Juden.

Gerade am Vorabend des Gedenktages hat die EU-Agentur für Grundrechte in Wien einen alarmierenden Bericht über den wachsenden Judenhass in den vergangenen fünf Jahren, vor allem in Ungarn, Frankreich und Belgien, aber auch in Deutschland, Schweden, Italien Großbritannien und Lettland veröffentlicht. Drei von vier Juden in diesen acht Staaten, wo 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung in der EU leben, glauben, dass der Antisemitismus in den vergangenen fünf Jahren zugenommen hat. Die Entstehung großer muslimischer Gemeinden führt zu einem islamischen Antisemitismus, der sich häufig mit Demon­strationen linker Gruppen vermischt. Israel stellt nach Ansicht vieler in Europa die größte Gefahr für den Weltfrieden dar. In Deutschland sind 66 Prozent der Menschen der Ansicht, dass der Nahostkonflikt für ihre Sicherheit eine "sehr große" Rolle spielt.

Heute kann der Antisemitismus, obwohl oft populistisch und antikapitalistisch, ebenso leicht auf der Linken wie auf der Rechten auftreten. Im Gegensatz zum religiösen Antijudaismus des 19. Jahrhunderts und zum rassistischen Judenhass, der zur Ermordung von fast sechs Millionen Menschen während des Zweiten Weltkriegs geführt hatte, reagieren heute viele, die die Juden unter welchem Vorwand auch immer ablehnen, geradezu empört, wenn man sie als Antisemiten bezeichnet.

Seit dem Holocaust sind fast 70 Jahre vergangen, die Schonzeit für die Juden ist offenbar vorbei. Juden, so heißt es, hätten zu lange und zu intensiv über den Holocaust gesprochen. Laut der EU-Studie seien 59 Prozent der Juden in Ungarn mit dem Vorwurf der Verantwortung für die aktuelle Wirtschafts­krise konfrontiert gewesen, und 75 Prozent hätten die Behauptung gehört, dass "Juden zu viel Macht haben".

Die Art der judenfeind­lichen Äußerungen unterscheidet sich von Land zu Land sehr deutlich. Jeder zweite Befragte glaubt, dass Antisemitismus am stärksten im Internet zum Ausdruck kommt. Gemeinsam ist die Angst, im kommenden Jahr Opfer einer verbalen Beleidigung oder sogar einer Gewalttat zu werden. Eine der jüngsten Bibliografien an der Hebräischen Universität in Jerusalem enthält 40.000 überwiegend zeitgenössische Titel zum Antisemitismus. Trotzdem gilt die spöttische Bemerkung Hannah Arendts im Streit mit Chaim Weizmann, dem späteren ersten Staatspräsidenten Israels aus dem Jahr 1941: "Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Mond sicher." (DER STANDARD, 12.11.2013)