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Kommunikationswissenschafterin: Kaum Sanktionen für "schwarze Schafe" im Journalismus.

Foto: Reuters/Wermuth

Wien - Der "News of the World"-Skandal in Großbritannien, kriminelle Methoden von Boulevardblättern, "Rudeljournalismus" im Fall Wulff in Deutschland: Medien und Journalisten agieren nicht immer moralisch und ethisch einwandfrei. Doch wer kontrolliert die Medien, die sogenannte "vierte Gewalt"? Wer kann Medien und Journalisten zur Verantwortung ziehen? Diese Fragen stellt sich Susanne Fengler. Die Kommunikationswissenschafterin arbeitet am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus und koordiniert das "MediaAct"-Projekt, für das 1700 Journalisten in 14 Ländern befragt und 100 Experten interviewt wurden. Die Ergebnisse stellte Fengler im Rahmen der Hedy Lamarr Lectures - veranstaltet vom Medienhaus Wien und der Akademie der Wissenschaften - in Wien vor. Titel: "Journalisten im Twitter-Gewitter - Der Bürger als neue 'fünfte Gewalt'".

Journalismus und Politik

Generell würden sich Journalisten schwer damit tun, wenn die Politik in ihre Handlungsfreiheit eingreift. Hier befürchten Medienleute politischen Durchgriff und Zensur. Als Beispiel bringt Fengler den Protest gegen den neuen, mit mehr Sanktionen ausgestatteten britischen Presserat. Diese Angst sei in Österreich und Deutschland besonders ausgeprägt. In Italien hingegen hätten Journalisten eher wenig Furcht vor politischen Einflüssen.

Journalismus und der Markt

Den Markt als Kontrollinstanz für Medien anzusehen sei ebenfalls problematisch. Anzeigenkunden hätten trotz des Abhörskandals dem Boulevardblatt "News of the World" lange die Treue gehalten. Belohnt der Markt Medienverantwortung? Eher nein, meint Fengler und bringt den "Guardian" als Beispiel, der trotz Qualitätsberichterstattung Anzeigen verliert. "Hier funktioniert Medienverantwortung nicht", sagt Fengler. Auch Journalisten würden Anzeigenkunden nicht als eine für sie relevante Größe wahrnehmen. Gleichzeitig geben Journalisten jedoch an, dass der wirtschaftliche Druck die größte Gefahr für Qualität in der Berichterstattung darstelle.

Journalisten und Kollegen

In der Branche "wimmelt es regelrecht von schwarzen Schafen", denen selbst gravierende Sünden verziehen würden, sagt Fengler. "Unethisches Verhalten wird zunehmen, wenn es die Produktionskosten senkt, wenn die Gefahr der Entdeckung relativ gering ist und die Sanktionen nicht allzu groß sind." Die Sanktionen derzeit hätten nicht die Kraft, "schwarze Schafe von der Wiese des Journalismus zu vertreiben". Gerade deutsche Journalisten würden ihre Kollegen sehr selten kritisieren. Auch bestehende Redaktionsstrukturen mit ihren Hierarchien und den wenig offenen Strukturen machen es schwer, sich auszutauschen.

Dabei greifen Ethikkodizes - "vor allem die der Redaktion selbst" - bei der Medienselbstkontrolle, sagt Fengler. Journalisten würden sich eine Art Handbuch wünschen, wie sie sich zu verhalten haben. Wichtig sei vor allem die Rolle der Chefredaktion als Vorbild für Mitarbeiter. Generell würden Redaktionen in Österreich und Deutschland "wenige Incentives setzen, um Medienverantwortung zu erreichen", sagt die Kommunikationswissenschafterin.

Journalisten und Publikum

Das Publikum sei mittlerweile eine relevante Größe der Medienkritik, erklärt Fengler. Durch die Digitalisierung sind die Kosten für Protest stark gesunken. Statt Leserbriefe zu schreiben, tun Bürger ihren Protest via Twitter und Facebook kund und vernetzen sich. "Social Media sind mittlerweile der relevanteste Kanal, über den Journalisten Kritik erfahren." Die Chancen stünden gut, dass Bürger zur "fünften Gewalt" werden.

Journalisten werden von ihren Lesern kritisiert und immer häufiger Gegenstand von Shitstorms. Fengler: "Durch Social Media entstehen netzwerkartige Kommunikationsstrukturen, die einflussreiche Institutionen wie Politik, Wirtschaft und eben auch Medien kontrollieren." Es stelle sich also die Frage, ob Medien heute noch ihre Aufgabe als vierte Gewalt wahrnehmen oder Medien vom Publikum selbst als eine Macht wahrgenommen werden, die genauso hinterfragt werden müsse wie Politik oder Wirtschaft. (Astrid Ebenführer, derStandard.at, 12.11.2013)