Das Tauziehen um die gleichgeschlechtliche Ehe in Frankreich hat die Frage neu aufgeworfen, ob Homosexuelle ein Recht auf Elternschaft haben. Religiöse Vertreter berufen sich auf vermeintliche natürliche Gegebenheiten und behaupten, dass Homosexuelle sich nicht im Einklang mit diesen befänden. Dabei sind Regenbogenfamilien im Tierreich gut dokumentiert. Homosexuelle Elternschaft ist bei hunderten Primaten üblich – und zwar nicht aus Partnermangel.

Ganz normal

Historiker berichten von gängiger Homosexualität bei den alten Griechen, und Sozialwissenschafter belegen, dass in Regenbogenfamilien das Kindeswohl nicht tangiert wird. Eine Interviewreihe mit inzwischen jungen Erwachsenen, die Kinder homosexueller Eltern sind, im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" zeigte kürzlich, dass diese wenig Aufregendes zu berichten hatten. Sie wirkten aufgeschlossen und selbstbewusst und fühlten sich gesellschaftlich nicht benachteiligt. Und selbst wenn dies der Fall sein sollte, dann sollte nicht die betroffene Familie, sondern die Benachteiligung das Ziel der Kritik sein. Der befragte Nachwuchs bestätigte vielmehr, dass die homosexuellen Eltern sehr auf ihre Kinder eingingen, da diese Wunschkinder seien. Sie gaben zudem an, dass eine besondere Offenheit in den Familien bestehe.

Von Homosexuellenlobbyisten als Erfolg gewertete Belege aus Natur, Altertum und Soziologie sind nur auf den ersten Blick erfreulich. Sie verteidigen nämlich in keiner Weise eine mögliche Andersartigkeit von Regenbogenfamilien, sondern feuern den Wettbewerb des "konformen" Großziehens, also das Nacheifern gegenüber der heterosexuellen Familie, an.

Alte neue Traditionen

Aber selbst wenn Homosexualität historisch noch nicht belegt wäre, wäre dies kein Grund, uns Neuem zu verweigern. So fußt auch die heutige Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau keinesfalls auf ewiger Tradition, sondern bedurfte zur Durchsetzung der Aufklärung als Epoche in der modernen westlichen Philosophie.

Selbst wenn ein Regenbogenkind sich entgegen bisheriger Studien durch den Einfluss seiner Eltern beispielsweise betont feminin oder maskulin, auffallend freizügig oder selbstbewusst entwickelte, dürfte der aufgeklärte Rechtsstaat Homosexuellen die Elternschaft nicht erschweren. Denn die hier genannten Eigenschaften, welche Regenbogenkindern zugesprochen werden könnten, sind nicht (negativ) bewertbar.

Der Staat hat nicht dafür Sorge zu tragen, dass Kinder ein bestimmtes geschlechtsspezifisches Verhalten an den Tag legen – abgesehen davon, dass sich auch die Kinder heterosexueller Eltern bisweilen betont maskulin oder feminin geben. Er dürfte selbst dann nicht eingreifen, wenn alle von Homosexuellen aufgezogenen Kinder selbst homosexuell würden, da Homosexualität eine gleichberechtigte und nicht weniger wertvolle Sexualität unter mehreren ist.

Homophober Staat

Ist ein Staat, der Regenbogenfamilien nicht dieselbe Förderung zukommen lässt wie Heterosexuellen, ein homophober Staat? Er ist so homophob, wie er rassistisch wäre, wenn er Schwarzen mit Verweis auf ihre Hautfarbe das Kinderkriegen erschweren würde. So homophob wie das schleswig-holsteinische Finanzgericht, welches kürzlich entschied, dass homosexuelle Elternpaare weniger Kindergeld erhalten, da nun einmal "die Geschlechtsverschiedenheit zu den prägenden Merkmalen der Ehe" gehöre.

In Wahrheit unterscheidet Ehen und Erziehungsmethoden Wichtigeres als das jeweilige Geschlecht. Jede zweite Ehe wird geschieden, ein Großteil bekommt Kinder, ohne geheiratet zu haben. Es gibt ungewollte Schwangerschaften und unbekannte Väter. Außer Missbrauch toleriert der Staat bei Heterosexuellen jede Familienform, ist gar stolz auf eine Vielfalt, die uns von autoritären Kulturen abzugrenzen scheint. Er stellt die Familie unter besonderen Schutz, organisiert Adoptionen und lässt die Allgemeinheit für künstliche Befruchtungen aufkommen.

Doch die Vorstellung homosexueller Elternschaft überragt nach heutiger Verbotslage jede noch so abwegige Eigenheit heterosexueller Eltern – und stellt sie damit auf eine Ebene mit dem Kindesmissbrauch. Dies entbehrt jeglicher Grundlage und erschwert die gesellschaftliche Akzeptanz von Minderheiten. Es braucht darum einen Anlauf gegen Diskriminierung und Homophobie und für den Schutz des Familienglücks Homosexueller – das Recht aufs Anderssein innerhalb vielfältiger Lebensentwürfe. (Leserkommentar, Josef Alkatout, derStandard.at, 13.11.2013)