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Lenzing ist der größte Arbeitgeber in der gleichnamigen Marktgemeinde.

Foto: APA/Markus Renner

Lenzing/Wien - Die Köpfe sind gesenkt, die vier Männer gehen schweigend auf das Haupttor zu. Einer nach dem anderen steckt seine Werkskarte in den Schlitz des Drehkreuzes und geht durch. Über die Meldung vom Vorabend, dass ihr Arbeitgeber, die Lenzing AG, 390 der knapp 2800 Stellen (inklusive Lehrlinge) am Oberösterreich-Standort, streichen wird, will niemand sprechen. Zu groß die Angst, dass vielleicht einer von ihnen seinen Job verlieren könnte. Inklusive Leiharbeitsstellen sind es gut 600 Jobs, die dem Sparstift zum Opfer fallen.

"Natürlich ist die Stimmung am Tiefpunkt", erklärt ein 55-Jähriger, dessen Schicht gleich beginnt. "Jeder bangt um seinen Arbeitsplatz, und ich in meinem Alter erst recht." Seinen Namen will er nicht nennen, genauso wenig wie die anderen, die vor dem Tor 1 die angekündigte Stellenstreichung kommentieren. Verständnis zeigt keiner, schließlich mache der Faserhersteller in diesem Jahr rund 80 Millionen Euro Gewinn. "Es geht den börsennotierten Unternehmen nur um die Dividende, Lenzing ist da keine Ausnahme", meint der 55-Jährige.

Rudolf Baldinger, Vorsitzender des Arbeiterbetriebsrates, kann die Jobkürzungen nicht nachvollziehen. Es handle sich um keinen "Krisenbetrieb". Und dass der Gewinn nicht so hoch wie erwartet ausfallen werde, habe man auch schon seit längerem gewusst.

"Jammern auf hohem Niveau"

Für einen Mitarbeiter, der sich laut Eigenangaben "in 20 Jahren in der Hierarchie so weit nach oben gearbeitet hat, dass ich nicht um meinen Job fürchte", ist die Stellenkürzung "nichts anderes als Jammern auf hohem Niveau". Er hatte am Mittwochabend als einer der Ersten die Mitteilung der Geschäftsführung erhalten. "Am Anfang habe ich gar nicht verstanden, was das soll. Lenzing steht ja gut da." Die Unternehmensleitung habe wohl nicht von ungefähr erst am Abend hausintern über ihre Pläne informiert.

Lenzing-Chef Peter Untersperger steht in Wien Rede und Antwort. Was sich denn seit August so dramatisch geändert habe, dass man nun das schärfste Stellenstreichkonzert am Standort Lenzing seit 20 Jahren angesetzt habe, wird er gefragt. In den letzten vier bis sechs Wochen sei es nochmals bergab gegangen. Im 4. Quartal seien die Ziele nicht erreichbar. Das Ergebnis werde schlecht ausfallen, genauso schlecht wie 2014 und möglicherweise auch 2015. "Wir mussten reagieren. Wüssten wir, dass es 2014 wieder bergauf geht, hätten wir eine Diätkur gemacht und nicht den Radikalschnitt", sagte Untersperger.

Preisverfall bei Fasern

Grund für die Malaise sei der massive Preisverfall bei Fasern. Lenzing hat sich auf die Herstellung von Fasern aus Zellstoff spezialisiert, die als Viskose (Massenprodukt) bzw. Modal und Tencel in höherwertigen Textilprodukten Eingang finden. Lenzing ist Weltmarktführer bei den Top-Qualitäten und hat auch bei Viskose eine führende Stellung. Die Fasern werden von Spinnern zu Garnen verarbeitet, die in Jeans genauso wie in Hemden, T-Shirts oder Innenverkleidungen von Autos landen.

"Wir sind Opfer unseres eigenen Erfolgs geworden", sagte Untersperger. Man habe zu viel Gewicht angesetzt. Das Fett müsse nun in Muskelmasse umgesetzt werden. Das Ziel der Radikalkur: "Die Kosten müssen um 120 Mio. Euro pro Jahr runter." Jeweils ein Drittel durch Einsparungen beim Material, bei sonstigen Ausgaben wie Logistik und Rechtsberatung sowie Personal. Neben Lenzing seien auch China und Indonesien von Einsparungen betroffen. Der geplante Bau eines Werks in Indien wird auf 2016 verschoben.

Weil Lenzing jetzt 60 und in drei Jahren rund 70 Prozent des Geschäfts in Asien machen wird, müsse sich das auch im Marketing und Vertrieb widerspiegeln. "Wir brauchen weniger Mitarbeiter in der Zentrale und mehr Leute, die mit den Kunden in China Chinesisch sprechen." Für einen Sozialplan sei "ein beträchtlicher zweistelliger Millionenbetrag reserviert", sagte Untersperger.

Beim letzten größeren Personalschnitt wurden 1996 rund 400 Stellen in Lenzing gestrichen, damals auf Anraten von Arthur D. Little. 1992 war McKinsey im Haus - etwa 1000 Stellen fielen weg.

Sorge um Kommunalsteuer

Ein Leiharbeiter, der Donnerstagmittag zur Schicht erschien, war verblüfft, als er erfuhr, dass er demnächst an diesem Arbeitsplatz wohl nicht mehr erscheinen muss. "Das glaub ich nicht, was sagen Sie da?", so seine erste Reaktion. Unternehmenschef Untersperger hatte zu dem Zeitpunkt bereits bestätigt, dass auch die meisten der 300 Technik-Leiharbeiter gehen müssen.

Den 5000-Einwohner-Ort Lenzing treffe es hart, sagt Bürgermeister Rudolf Vogtenhuber (SP). Zwar habe man gewusst, dass Sparmaßnahmen bevorstehen, aber das Ausmaß "hat mich überrascht", gibt er zu. Wenn Lenzing als größter Arbeitgeber des Bezirks Vöcklabruck derartig drastische Maßnahmen setzt, "tut mir das als Bürgermeister weh". Zum einen drohe Bürgern aus Lenzing Arbeitslosigkeit, zum anderen habe dies auch "wirtschaftliche Konsequenzen für die Marktgemeinde, etwa was die Kommunalsteuer betrifft".

Der Konzernumsatz wird heuer nur noch bei rund 1,9 (statt bisher erhoffter 2,0) Mrd. Euro erwartet, das Betriebsergebnis (Ebit) dürfte sich auf 80 Mio. Euro halbieren. An der Börse wurde Lenzing abgestraft, die Aktie verlor teilweise mehr als acht Prozent an Wert. (Günther Strobl, Kerstin Scheller, DER STANDARD, 15.11.2013)