Berlin - Deutschland gilt für Alice Schwarzer derzeit als Drehscheibe für internationalen Mädchenhandel. Bei einem Termin mit der Auslandspresse verlangte die Frauenrechtlerin und Herausgeberin des deutschen Magazins "Emma" eine Änderung des 2002 unter der damaligen rot-grünen Bundesregierung beschlossenen Prostitutionsgesetzes.

Ins Wochenende zum Bezahl-Sex

"Deutschland ist ein Einreiseland für Sextouristen geworden", behauptet Schwarzer. Ganze Busladungen von Franzosen, Italienern und Skandinaviern würden übers Wochenende zum Bezahl-Sex einreisen.

In der von ihr herausgegebenen Zeitschrift "Emma" hat Schwarzer eine Kampagne mit der Forderung "Prostitution abschaffen" gestartet und bei Prominenten um Unterstützung geworben. "Die 90 Namen haben wir innerhalb von einer Woche zusammen bekommen", sagte Schwarzer. In der Gesellschaft habe sich etwas bewegt. Auch die voraussichtlichen künftigen Regierungsparteien hätten das Thema, obwohl anfangs nicht vorgesehen, in die Koalitionsgespräche aufgenommen.

Geschätzte 14,5 Milliarden Umsatz

Bis zu 95 Prozent der in Deutschland arbeitenden Prostituierten seien Ausländerinnen aus den ärmsten Ländern, will  Schwarzer wissen. Hingegen würden im horizontalen Gewerbe laut Gewerkschaftsschätzung jährlich 14,5 Milliarden Euro Umsatz gemacht, mit Profitraten von mehr als 1.000 Prozent. Das Argument des ältesten Gewerbes der Welt wischte die "Emma"-Herausgeberin in ihrem soeben erschienenen Buch "Prostitution - ein deutscher Skandal" mit dem Argument vom Tisch, von der Sklaverei sei bis vor kurzem Ähnliches behauptet worden.

Die Legalisierung der Prostitution sei im Namen der Liberalität propagiert worden, so Schwarzer. Dabei sei aber die Machtfrage ignoriert worden. Deshalb zog Schwarzer eine Parallele zur Pädophilie.

Nicht gut informiert

Von Zwangs- und Armutsprostitution in Deutschland wollte die Sexarbeiterin Emy Steele in einem anschließenden Journalistengespräch nichts wissen: "Prostitution ist eine freiwillige Vereinbarung zwischen erwachsenen Menschen", sagte die Vertreterin von Hydra, einer Berliner Interessenvertretung und Beratungsstelle für Prostituierte. "Ich bin bestürzt, dass intelligente Menschen einem ganzen Berufsstand absprechen, über ihre Arbeit Entscheidungen zu treffen", sagte Steele.

Sie warf Schwarzer vor, nicht gut informiert zu sein und unterstrich die Verbesserungen, die das Gesetz von 2002 gebracht hatte, nämlich die Möglichkeit zur Kranken- und Sozialversicherung. Sie befürchte eine neuerliche Kriminalisierung ihres Gewerbes. Sollte es zu weiteren Auflagen kommen, würden Großbordelle übrig bleiben, kleine Wohnungsbordelle aber schließen müssen. (APA, 15.11.2013)