Müssen Personalverantwortliche und Chefs alles "sehen", was sie im Netz über aktuelle oder zukünftige Mitarbeiter ergoogeln, im Facebook lesen oder bei Personensuchplattformen finden? Seien wir froh, liebe Leser, dass nicht abgefragt werden kann, was wir ab unserem zwölften Lebensjahr im Freundeskreis gesagt haben. Vergessen und vergeben. Ist das die Gnade der frühen Geburt im digitalen Zeitalter? Würden wir einander sonst noch ernst nehmen?

Haltbar solange es Strom gibt

Wir und besonders die Jugendlichen sind mit der Geißel des Unvergesslichen geschlagen. Es locken immer neue niederschwellige Interaktionsformate. Die "digital Natives" wachsen natürlich spielerisch damit auf, wir setzen uns damit auseinander, um den Zug nicht zu verpassen. Das Feld bleibt spannend, nach wie vor. Durch die Haltbarkeit der Nachrichten und Informationen, ganz abgesehen von den Begehrlichkeiten der NSA, werden wir mit etwas konfrontiert, das einem Paradigmenwechsel gleichkommt. Jahrtausende lang bemühten wir uns Werkzeuge zu erfinden, mit denen unsere kulturellen Errungenschaften haltbar und für die nächsten Generationen zur Verfügung stehen werden. Das nannte man unter anderem Bildung. Das ist jetzt Geschichte, das Blatt hat sich gewendet. Wir sollten jetzt gezielt lernen weniger wissen zu wollen und haben ein digitales Vergessen zu kultivieren. Besonders unsere Kinder und Jugendlichen können nicht für etwas zu Verantwortung gezogen werden, das selbst wir Erwachsene nicht unter Kontrolle haben - unseren digitalen Foodprint. Sie sind sich der Konsequenzen ihrer Posts, Fotos und Videos nicht bewusst, eben weil sie das sind, was sie sind, unmündig oder teilmündig. Nehmen wir sie bitte als solche ernst und nicht alles für wahr.

Es lebe die Vergesslichkeit!

Wir sollen nicht nur, sondern müssen eine unserer größten unbewussten Fähigkeiten, das Übersehen und Vergessen von unwichtigen Informationen verstärkt bewusst einüben und dort praktizieren, wo es das Netz noch nicht kann! Wir haben die Jungen vor unseren voreiligen Schlüssen zu schützen und müssen ihnen eine Chance geben, auch wenn unser erster Eindruck ihrer Netzpräsenz etwas anderes zu vermitteln scheint. Wer bestimmt schlussendlich, was sich beispielsweise für einen angehenden Lehrling schickt? Wehren wir uns bitte gegen ein moralisierendes Gesinnungsdiktat, das wörtlich nimmt und festnagelt, was oft einfach so in den Wind getextet wurde und schon vergessen sein sollte, wenn es gesendet ist. Lasst die Jugendlichen ihre Fehler machen, ohne dass aus kurzfristigen Nichtigkeiten lebenslange Konsequenzen entstehen. Können wir ihnen nicht verzeihen, weil wir unser eigenes Jungsein vergessen haben?

DNA - das neue Arbeiten

Endlose Diskussionen um die Kommunikationsphänomene im Zusammenhang mit sozialen Netzwerken und Web 2.0 begleiten uns. Konzepte zum neuen Arbeiten sehen unseren zukünftigen beruflichen Alltag noch stärker als bisher vernetzt. Soziale Netzwerkformate sind bereits in Unternehmen vorhanden oder sollen als interne Kommunikationsplattformen Einzug halten. Zeigen nur Vorstände und Betriebsräte eine Skepsis dagegen? Ist das ein Generationenproblem oder sind diese Mittel vor dem Hintergrund von Effizienz und Effektivität noch wenig greifbar und im Hinblick auf Urheberschaft, Datensicherheit, Mitarbeiterschutz, Wissenstransfer aus dem Unternehmen usw. doch nicht so leicht einschätzbar?

Man bewahre uns unternehmensintern vor der zusätzlichen digitalen Gerüchtebörse und dem alles zermalmenden Shitstorm. Aber Angst und Schwarzmalen ist nicht die Lösung. Es ist nicht die Frage ob es einen unternehmenskulturellen Wandlungsprozess geben wird, sondern wie wir diesen am Besten angehen.

Wer bin ich und wenn ja, wieviele?

Also was ist das eigentlich, die digitale Identität? „The West conducted a nuanced discussion of identity for centuries, until the industrial state decided that identity was a number you were assigned by a government computer.“ meinte etwa Bob Blakley, ehemals Chief Privacy and Security Architect bei IBM. Mit verschiedenen Zugängen zur Beantwortung dieses Fragenkomplexes werde ich uns hier in der nächsten Zeit ein wenig beschäftigen. Was kann ein philosophischer Zugang beitragen?

Nachdem nichts so heiß gegessen wie gekocht wird, sollten wir uns in punkto Beurteilung der Web 2.0 Phänomene an jene Tugenden erinnern, die uns noch nie zum Nachteil gereicht haben, Geduld und Besonnenheit. Wir leben in einer hysterischen Zeit. Von der Vogelgrippe über "Social Media" bis zu Big Data durchschwingen Aufmerksamkeit heischende Wellen die medialen Landschaften. Das Themenfeld Social Media selbst etwa ist viel zu breit gestreut, weil der Begriff ungenau gewählt wurde. Eigentlich sollten wir immer von sozialen Netzwerken sprechen, denn Social Media wird nur im Marketingbereich korrekt verwendet.

...und schon wieder weg, oder?

Viele Formen der Interaktivität in sozialen Netzwerken sind noch zu neu, um deren Folgen längerfristig auch nur am Rande abschätzen zu können. Auf lange Sicht sind sie eher wieder weg. Nur unsere Spuren darin werden bleiben. Wer verwendete ISQ, MSN, kann sich noch an den Myspace-Hype erinnern? Wo sind diese Daten hin, wo sind sie geblieben? Doch Spuren dieser Interaktionen sind immer noch auffindbar, es ist nur eine Frage des Wollens. Stehen Sie heute noch zu allem, was über Sie in den Google Suchergebnissen so ab Seite zehn aufwärts zu finden ist? Trotzdem bleibt das Bestandteil ihrer digitalen Identität. Wer suchet, der findet. Damit werden wir leben müssen. Können wir unsere digitale Identität bewusst so gestalten, dass das gezeigte Bild unseren Vorstellungen entspricht? Nein, denn die Interpretation liegt beim Rezipienten.

Epilog für heute

Blogartikel liegen längere Zeit auf der Festplatte herum, manchmal mehrere Monate, bis es dann gerade passend scheint. Seit ich mit dieser Reihe zur digitalen Identität begonnen habe, hat sich der Schwerpunkt durch aktuelle Ereignisse mehrmals verlagert. Gegen den Zeitkatarakt des Web 2.0 anzuschreiben bleibt also vergebens. Sie können meinen Blogbeitrag deshalb morgen früh wie gewohnt ins Katzenkistl legen. (Leo Hemetsberger, derStandard.at, 18.11.2013)