Statt des Pluralismus, den die AKP noch vor Jahren für sich und ihre Kopftuchträgerinnen eingemahnt hatte, schreibt sie heute die Sitten vor.

Kürzlich wurden einigen türkischen Studentenhaushalten Strafbescheide wegen Störung der öffentlichen Ruhe zugestellt: Das Zusammenleben in gemischtgeschlechtlichen Wohnheimen oder Privatwohnungen, wie bei ihnen der Fall, sei unmoralisch und widerspräche den allgemeinen Vorstellungen von Sitte und Anstand. Zuvor hatte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den moralischen Schutz der Studenten zur staatlichen Aufgabe erklärt, nicht zuletzt deshalb, weil, wie er sagte, die Eltern das von der Regierung erwarteten.

Dass es für Menschen, deren Lebenswandel den Moralvorstellungen der Regierung zuwiderläuft, immer enger werden würde, zeichnete sich nun schon vor dieser Aktion und auch vor den Ereignissen rund um den Gezi-Park ab. Vor allem die Unis standen unter besonderer Observierung, weil das Aufbegehren der Studierenden gegen die Regierung dieser zunehmend ein Dorn im Auge war.

Als die Militärregierung in der Türkei seinerzeit das Kopftuch von den Unis und aus den öffentlichen Einrichtungen verbannte, wurde dieses Vorgehen von den Mitgliedern der jetzigen Regierung mit dem Argument kritisiert, dass der Staat sich nicht in die persönliche Freiheit mündiger Bürger einmischen dürfe, und dies beträfe auch die Entscheidung zum Tragen des Kopftuchs.

Keine 15 Jahre später bietet sich in der Türkei ein ganz anderes Bild. Heute muss jeder, dessen Lebensweise nicht dem von der Regierung festgelegten Sittenkodex genügt – seien es die oben genannten Studenten, die in gemischten Wohngemeinschaften leben, seien es weibliche Beschäftigte in öffentlichen Einrichtungen, die das Tragen des Kopftuchs verweigern –, befürchten, dass die staatliche Moralkeule auf ihn niedergeht oder er gar in seinen Grundrechten beschnitten wird.

Zum besonderen Symbol für die Durchsetzung ihrer politischen Zwecke ist der Regierung das Recht auf das Tragen des Kopftuchs geworden, als dessen eherner Verfechter sie sich stilisiert. Da passt es ins Bild, dass jenen weiblichen Abgeordneten, die demonstrativ mit Kopftuch von einer Pilgerreise ins Parlament zurückkehrten, Heldenstatus zuerkannt wurde angesichts der Größe ihrer Tat – wiewohl ihre Aktivitäten zuvor niemandem aufgefallen waren.

Die Universitäten wiederum, namentlich die theologischen Fakultäten, deren Zahl sich in den vergangenen fünf Jahren verfünffacht hat, wurden von der Regierung direkt angewiesen, die Lehrinhalte entsprechend umzugestalten – auf dass nicht etwa mündige und kritisch denkende Theologen, sondern stramme Sittenwächter aus ihnen hervorgehen mögen. Deren Curricula wurden durch veraltete, türkisch-islamische Vorgaben ersetzt, was es erschwerte, ja verunmöglichte, Philosophie oder Soziologie zu lehren. Anweisungen des politisch massiv indoktrinierten Hochschulrats wurden von vielen theologischen Fakultäten vehement abgelehnt, ihre Umsetzung verweigert, doch viele kritische Theologen mussten das Land verlassen oder sahen sich in ihrer Arbeit an den Fakultäten erheblich behindert.

Offenbar ist die Regierung der naiven Überzeugung, dass eine Wiederbelebung der traditionellen Werte des – nostalgisch verklärten – ottomanischen Erbes dem Land zu neuer Größe verhelfen werde. Ein Standpunkt, der auch auf dem Balkan intensiv wahrnehmbar ist – und religiösen Symbolen kommt im Kampf um dieses Ziel zentrale Bedeutung zu.

Sehr viele selbstbewusste muslimische Frauen sind sich mittlerweile darüber im Klaren, dass die Regierung vermittels der Kopftuchfrage eigentlich das Ansinnen verfolgt, die muslimische Frau auf ihre traditionelle Rolle als schutzbedürftiges Wesen zu reduzieren und damit die alten patriarchalischen Verhältnisse wiederherzustellen, unter denen sie lange zu leiden hatte.

Die andere große Gefahr, die in muslimischen Gesellschaften aufkeimt, ist die wachsende Polarisierung zwischen Kopftuch tragenden, "anständigen"  Muslimas und den Verweigerern, die den Glauben vermeintlich an die Moderne verraten. Leider beobachten wir die Sichtweise, wonach Kopftuch und muslimische Frau eine untrennbare Einheit bildeten, zunehmend auch bei vielen in Österreich tätigen Organisationen. Dabei gälte es, alles daran zu setzen, dass der muslimischen Frau mehr zugestanden wird, als durch Kopftuchtragen ihre Frömmigkeit unter Beweis zu stellen. Wenn allein dieses Stück Stoff ausreicht, ein Individuum zu definieren – was sagt das über den Verstand, der darunter verborgen ist?

Das Recht auf das Tragen des Kopftuchs wo und aus welchen Gründen auch immer und ebenso die Freiheit, es samt den damit verbundenen moralischen Vorstellungen aus persönlicher Überzeugung abzulehnen, ist ein wesentliches Qualitätsmerkmal einer demokratischen Gesellschaft. In einem modernen Land ist es nicht allein die Religion, die die Menschen vereint, sondern das Bekenntnis zu bestimmten Werten, zu denen auch der Pluralismus zählt. Wer meint, dass es darauf nicht ankomme, darf sich nicht wundern, wenn er sich früher oder später als Opfer undemokratischer, ja faschistoider Verhältnisse wiederfindet. Daher hätten auch muslimische Frauen, die sich zum Kopftuch bekennen, allen Grund, sich an die Seite der Frauen und Männer zu stellen, die sich gegen das moralische Diktat der Regierung wehren, statt – in ewiger Opfermanier – diesen Widerstand als Beweis einer westlich-jüdischen Verschwörung gegen die Regierung zu betrachten. Dies geht an der in der Türkei herrschenden gesellschaftlichen Realität vollkommen vorbei.

Ebenso sollten die Muslime, die in Europa ein Leben in Freiheit führen dürfen, sich verpflichtet fühlen, diese Freiheit auch für ihre Herkunftsnationen einzufordern und zu befördern. Und die theologischen Fakultäten, die in diesen Verhältnissen Fuß fassen wollen, müssen Impulse setzen, die die Verinnerlichung dieses Geistes der Freiheit gewährleisten – die Essenz des islamischen Glaubens ist Gerechtigkeit. (DER STANDARD, 19.11.2013)