Die Verhandlungen für das neue Lehrerdienstrecht verlaufen auf beiden Seiten so, wie es in der "Errichtung und Pflege Potemkinscher Dörfer" gelehrt wird - im Grundkurs. Aus Beobachtung und Praxis hier fünf konkrete Punkte für eine inhaltliche Debatte, die selten gehört werden.

  • Qualität ist ein Schlüssel. Forderungen kann man stellen, wenn man nachweislich gut ist. Als Lehrer haben wir uns jahrelang gegen eine Überprüfung unserer Leistungen erfolgreich gewehrt. Wir können daher in Verhandlungen nicht mit der Qualität unserer Arbeit argumentieren, wir kennen sie nicht.

Wir haben auch zu wenig Verbesserungsschleifen. Nirgendwo muss ich weniger argumentieren, wie und was ich tue, als im Lehramt - solange der Ruf halbwegs passt. Bei Problemen holen Eltern die Nachhilfe. Die kaschiert meine Schwächen. Man könnte sie mit Mitteln der Finanzpolizei stoppen, was aber den stabilen Zustand der Zufriedenheit für alle Beteiligten - inklusive Staat, der sich Stipendien für seine Studenten erspart - empfindlich stört.

  • Anwesenheit im Schulgebäude ist ein Schlüssel. Es ist zwar möglich, mit Menschen eine Schule zu betreiben, die nur zum Unterrichten kommen. Es braucht aber sinnvollerweise eine Kernarbeitszeit vor Ort, um eine Schule gemeinsam auch weiterzuentwickeln und den geänderten Bedürfnissen einer bewegten Gesellschaft anzupassen.

Die bestehende Schulverwaltungssoftware zeichnet ein gnadenloses Raster vor, dem sich alle Aktivitäten unterzuordnen haben. Lehrer können nicht nach ihren Fähigkeiten eingesetzt werden. "In dem Moment, in dem wir das Lektionenbesoldungsmodell auf ein Arbeitszeitmodell geändert haben, wurden viele unserer Aktivitäten erst ermöglicht", erzählt der Rektor der Freien Evangelischen Schule in Zürich, eine der besten Schulen ihrer Gegend.

  • Viele Schulräume wurden im vorigen Jahrhundert gebaut. Diese Bauten funktionieren nur, wenn vorn einer steht und Wissen aus sich herausschreit. Moderner Schulbau gliedert den Raum nicht mehr nach Klassen, sondern nach Zonen. Von privat und klein bis groß und öffentlich. Für Lehrer und Schüler. Schall und Licht sind bei neuen Lernformen ein Thema.

Von der Schule zum Wohnraum. Mit der Akustik eines Jazzclubs. Gute Beispiele gibt es genug. Wir Lehrer bleiben gern auch länger und reden miteinander, wenn das unter menschlichen Bedingungen möglich ist.

  • Mein Büro ist mein MacBook Air. Ich arbeite dort, wo ich stehe, sitze und liege. Das Gerät hält mich frei, froh und unabhängig. Yeah.

Wer sich nach Schreibtischen sehnt, wird eine systemimmanente Gier nach "mehr" entwickeln. Räume, Software, Hardware, schöne Schuhe, fescher Arbeitsplatz. Es geht aber auch anders. Wir machen eine flotte, durchlässige und bewegte Schule, die wir gemeinsam nutzen und immer neu gruppieren. Schüler sind grundsätzlich dabei.

  • Lehrer sind keine Dilettanten. Zu ihrer Ausbildung gehört daher neben einem wissenschaftlichen und fachlichen Fundament (wann habe ich meinen letzten Fachartikel gelesen?) auch viele menschliche Komponenten und Fragen des Stils und des Anstands. Die Ausbildung dazu brauchen wir von Profis - und nicht von Lehrern für Lehrer gemacht.

Aufnahmeprüfungen würden leider derzeit nur jene Menschen finden, die zum bestehenden System passen, und sie würden darüber hinaus eine Entwicklung von Menschen außer Acht lassen. Die jetzigen Lehrer sind im bestehenden System aufgewachsen. Sie werden Schwierigkeiten haben, sich auch nur mit einem neuen Dienstrecht auseinanderzusetzen, unter dem - wie sie es sehen - sie plötzlich mehr unter geänderten Bedingungen leisten müssen, in einer harten und nervenaufreibenden Umgebung. Es wäre unschön, sich über sie lustig zu machen.

Im 21. Jahrhundert

Den Rahmen zu verändern ist also in echten und ernsten Verhandlungen notwendig. Das wird dann allerdings auch bewirken, dass plötzlich ganz andere Menschen Lehrer werden. Es werden jene sein, die der Meinung sind, dass sich ihre Schule an die Gesellschaft anpassen muss und nicht umgekehrt. Es werden jene sein, die sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren: schwierige Sachverhalte erklären, Zusammenhänge herstellen, und Lernwege mit den Schülern gestalten. Diese Lehrer werden nicht 70 Stunden arbeiten und auch mal die Hausübung zur Schulübung machen, um in der Schule gemeinsam an Aufgaben zu arbeiten und helfen genau dann, wenn man sie braucht. Die ratlosen Eltern atmen im Angesicht des Integrals auf - das Video des Lehrers kann wiederholt werden. Willkommen im 21. Jahrhundert.

Von der Schulbehörde selbst nehme ich erstaunlicherweise ständig Ermunterung wahr. Wir dürfen, wir sollen, wir können gestalten. Es liegt an uns selbst. (Lothar Bodingbauer, DER STANDARD, 21.11.2013)