Noch ist nicht das letzte Wort darüber gesprochen: Das Bilateral Security Agreement (BSA) zwischen den USA und Afghanistan – dessen Abschluss bereits für 1. Mai 2013 geplant war – muss noch die Loya Jirga in Kabul und den Kongress in Washington passieren. Aber das sind geringe Hürden im Vergleich dazu, was dem afghanisch-amerikanischen Sicherheitsabkommen, das die Präsenz von US-Truppen in Afghanistan bis 2024 und darüber hinaus regeln soll, sonst noch bevorsteht: die afghanischen Präsidentschaftswahlen beziehungsweise der Wahlkampf davor.

Präsident Hamid Karsai darf im April 2014 nicht mehr kandidieren – seinen Abgang aus der Politik bedeutet das noch lange nicht. Sein älterer Bruder Qayum tritt bei den Wahlen an, offiziell nicht mit der Unterstützung des Präsidenten, doch wissen alle, dass Hamid Karsai jedes Interesse daran hat, dass jemand gewinnt, der ihn – und andere aus Familie und Entourage – vor möglichen Korruptionsermittlungen schützt.

Karsai war immer sehr geschickt darin, die Beziehungen zu den USA im Allgemeinen und Verhandlungen im Besonderen innenpolitisch zu nützen – oder wenigstens den politischen Kollateralschaden für sich selbst zu minimieren. Dazu gehört die Ankündigung, dass er das BSA nicht selbst unterschreiben will: Das soll sein Nachfolger tun. Ein gesichtswahrendes Manöver ist auch, dass sich US-Präsident Barack Obama als Bedingung für die afghanische Zustimmung zum BSA beim afghanischen Volk für die Fehler der US-Armee entschuldigen soll. Jeder weiß, dass es eine Entschuldigung nicht spielen wird – aber es kann durchaus sein, dass von US-Seite irgendetwas kommt, das Karsai als solche verkaufen kann.

Aber all das ändert nichts an der Tatsache, dass die afghanische Regierung will – wollen muss –, dass die US-Armee in Afghanistan engagiert bleibt, erstens aus militärischen und zweitens aus finanziellen Gründen. Mit den Amerikanern bliebe das Geld aus, das das klientelistische System zusammenhält. Und deshalb bekommen die USA von Karsai nun das, was ihnen der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki 2011 für sein Land verweigerte: rechtliche Immunität für ihre Truppen und weitreichende Rechte, ihren "war on terror"  innerhalb des Landes weiterzuführen. Daran ändert auch nichts, dass im BSA die afghanische Souveränität und Führungsrolle verankert ist.

Das BSA sagt in dieser Form noch nichts über die Mannstärke nach 2014 aus, meist wird die Zahl "bis zu 12.000"  genannt, wobei einem Großteil der Truppe Ausbildungs- und Beratertätigkeit zukommen wird. Es wird sich auch nicht notwendigerweise nur um US-Soldaten handeln, die Nato bleibt weiter im Spiel. Trotzdem kann man es drehen und wenden, wie man will: Ende 2014, nach 13 Jahren und für eine unbestimmte Dauer, werden die USA weiter Kampftruppen in Afghanistan stationiert haben.

Die Angst ist zu groß, dass die hohen Kosten an Leben und Geld im längsten Krieg, in dem die USA bisher engagiert waren, ihre letzte Sinnhaftigkeit verlieren, wenn Afghanistan wieder zum Rückzugsgebiet für Al-Kaida und Konsorten wird. Anders als oft dargestellt, wäre Obama auch im Irak nach 2011 gerne präsent geblieben, wenn auch aus anderen Gründen: Dort ging es um den iranischen Einfluss. Die Saudis haben den USA die Irak-Invasion 2003 nie verziehen – und ihren Abzug 2011 auch nicht. (DER STANDARD, 22.11.2013)