Der erste Katholik und der erste Farbige in der Präsidentschaft der USA verkörpern ein Phänomen, das für religiös geprägte Gesellschaften typisch ist: große Hoffnungen zu wecken, in der Umsetzung der Inhalte aber hinter den formulierten Ansprüchen zurückzubleiben.

"Aufbruch zu neuen Ufern" könnte man John F. Kennedys politische Philosophie von den "new frontiers" frei übersetzen. Was heutzutage selbst in demokratischen Ländern schier unmöglich zu sein scheint, gelang dem jungen Ostküsten-Politiker - die Jugend zu begeistern und vor allem auf den Universitäten die intellektuellen Ambitionen anzufeuern.

Im Klima der von Papst Johannes XXIII. ausgelösten Zuwendung zum Volk - man könnte auch sagen: zu einer kosmetischen Protestantisierung der katholischen Kirche - stiegen die Chancen des irischstämmigen Senators, gewählt zu werden. Die beginnende Rock- und Pop-Bewegung förderte seine Kandidatur. Der Kalte Krieg machte atmosphärisch eine Pause.

Barack Obamas Kandidatur fiel in die Phase der Lähmung der amerikanischen Gesellschaft durch die Präsidentschaft von George W. Bush. Seine religiös und mythisch verbrämten Begründungen des "Kreuzzugs" gegen den islamistischen Terror stärkten jene Glaubensbekenntnisse, die das Bemühen um Frieden betonten. Dem folgte Obama - mit dem Resultat eines historischen Wahlsiegs, der zu einem weltweit spürbaren Aufatmen führte.

Kennedys Versprechen beim Nominierungsparteitag 1960, "die Armut auszuradieren", nahm in der kurzen Amtszeit tatsächlich konkrete Formen an. Mehr Geld für Arbeitslose, Hilfsprogramme für Arme in den Großstädten und die Wiedereinführung von Lebensmittelmarken waren nur drei von vielen Maßnahmen. Diese Kampagne war zweifellos viel wirksamer und erfolgreicher als der stümperhaft umgesetzte Versuch Obamas, die Reste seiner Versicherungsreform real zu implementieren.

Von Kennedys internationalen Aufbruchsideen blieb nur die Raumfahrt als Erfolg übrig, deren Wirkung auch einen Machtzuwachs bedeutete. Der Versuch, 1961 über die missglückte Landung von Exilkubanern in der Schweinebucht die Herrschaft Fidel Castros zu beenden, endete im Fiasko. Und dann Vietnam. Unter Kennedy wurden erste Kontingente nach Asien geschickt, einer der folgenreichsten Kriege des 20. Jahrhunderts begann.

Obama steht auf weltpolitischem Gebiet besser da. Obwohl er zwei Kriege beendet hat, den in Afghanistan und den im Irak, gilt er als Schwächling. Er ist kein Aggressor. Sowohl was Syrien betrifft als auch die jüngste Einigung zum iranischen Atomprogramm, wirkt er wie ein Kollaborateur Wladimir Putins. Aber Europa und Asien bleiben derzeit Erschütterungen erspart, deren Ausmaß niemand abschätzen könnte.

Kennedys Ermordung hat dessen Charisma potenziert und lässt es bis heute wie einen Heiligenschein leuchten. Der wiedergewählte Obama hat bisher innenpolitisch zu wenig geglänzt, um auch wirklich geliebt zu werden. (GERFRIED SPERL, DER STANDARD, 25.11.2013)