London - Der in der Europäischen Zentralbank (EZB) diskutierte negative Einlagenzins könnte für viele Geldmarktfonds das Aus bedeuten. "Das wäre der letzte Nagel für den Sarg", sagt Fondsmanager Patrick Simeon vom Vermögensverwalter Amundi. Bisher könne er dank des Engagements in nicht-staatlichen Anleihen noch einen Mini-Gewinn erwirtschaften. Bei negativen Einlagenzinsen habe er jedoch keine Chance mehr, dieses Ziel zu erreichen.

Die rund 850 Milliarden Euro schwere Geldmarktfonds-Branche investiert ihr Geld üblicherweise in kurzlaufenden Bonds von Schuldnern mit sehr guten Bonitätsnoten. Sie sind damit ein wichtiger Geldgeber für Staaten oder auch Banken. Wegen der rekordniedrigen Zinsen werfen Papiere von Top-Schuldnern wie Deutschland aber kaum noch etwas ab. Vor diesem Hintergrund wurde seit Anfang 2011 rund ein Viertel der damals existierenden 1.555 Geldmarktfonds geschlossen. Allein in diesem Jahr flossen EZB-Daten zufolge 57 Milliarden Euro aus dieser Anlageklasse ab.

Uneins über Folgen

Nach einer Studie der Barclays Bank halten europäische Geldmarktfonds derzeit 22 Prozent aller von Staaten und Unternehmen der Region ausgegebenen Anleihen mit kurzen Laufzeiten. Bei vergleichbaren Bank-Schuldtiteln liege die Quote sogar bei 40 Prozent. Über die Folgen eines großen Geldmarktfonds-Sterbens sind sich Analysten uneins: Während die einen betonen, dass sich das Kapital andere Wege suchen werde, warnen andere vor dem Wegfall eines wichtigen Finanziers der krisengebeutelten Staaten und Banken in der Eurozone.

Anfang der Woche hatten führende europäische Notenbanker laut über eine weitere Lockerung der Geldpolitik nachgedacht, nachdem sie zu Monatsbeginn den Leitzins überraschend auf 0,25 Prozent gesenkt hatten. Zuvor hatten Börsianer bereits darüber spekuliert, dass die Währungshüter den Zins für Einlagen auf minus 0,1 von derzeit null Prozent senken.

In diesem Fall müssten Banken also Geld dafür bezahlen, um es bei der EZB zu parken. Geldmarktfonds sind davon zwar nicht direkt betroffen. Da solch ein Schritt die Renditen von Staats-, Unternehmens- und Bank-Schuldtiteln aber weiter drücken würde, drohen Geldmarktfonds Verluste.

Die Branche stehe nicht zwangsläufig als Ganzes vor dem Aus, betont Jon Boyle, der den Institutional Liquidity Fonds von Fidelity Investments managt. Aber: "Der entscheidende Faktor dabei ist, ob sie weiter Managementgebühren erheben können und ob Investoren bereit sind, in einem Umfeld negativer Renditen einen kleinen Verlust zu akzeptieren."

Weiteres Damokles-Schwert

Negative Zinsen sind aber nicht das einzige Damokles-Schwert, das über dem Sektor schwebt. Das zweite sind die strengeren gesetzlichen Anforderungen an Kapitalpuffer für Krisenfälle. Den aktuellen Plänen zufolge müssten Geldmarktfonds ihre Eigenkapital-Polster auf drei Prozent vergrößern.

Es ist zwar unwahrscheinlich, dass das Gesetz das Europäische Parlament noch vor den Wahlen im Frühling passiert. Dennoch könnte diese Regelung der Branche den Rest geben, warnte Amundi-Experte Simeon. Läge der Interbankenzins Eonia bei drei oder vier Prozent, wären die strengeren Eigenkapitalvorschriften kein großes Thema - beim aktuellen Niveau von 0,131 Prozent dagegen schon. "Ein Überleben wäre sehr, sehr schwierig." (APA, 27.11.2013)