Tausende verlassen Woche für Woche das Bürgerkriegsgebiet in Syrien, viele davon aus der Diözese von Antoine Audo. "Ohne zu übertreiben, hat vermutlich ein Drittel aller Christen das Land verlassen", sagt der Bischof von Aleppo im Gespräch mit derStandard.at. Der katholische Würdenträger und Chef der syrischen Caritas reiste unter hohem persönlichem Risiko nach Europa und war vergangene Woche auf Einladung von "Pro Oriente" in Wien, um über die Situation in seiner Heimatstadt zu berichten. Zwei seiner orthodoxen Amtskollegen wurden im April 2013 entführt und sind bis heute nicht wieder aufgetaucht.

Das Leben in Aleppo sei paralysiert, die Stadt abgeschnitten vom Rest des Landes. Lebensmittel und Heizöl werden ständig teurer, während bezahlte Arbeit rar sei. Für Syrer ist dies ein großer Schock, wie der Bischof betont: "Generell gab es in Syrien eine gute Lebensqualität, jeder konnte leben - auch die Armen mussten nicht verhungern. Doch nun verarmt die Mittelklasse.”

"Zurückgeblieben sind die Armen"

Jene, die die Mittel dazu haben, sind geflüchtet: "Viele Reiche sind zum Beispiel in den Libanon gegangen, sie haben die Möglichkeit, Apartments zu mieten und ihre Kinder in die Schule zu schicken." Christen aus der Mittelklasse sind nach Latakia oder Tartus, relativ sichere Städte, geflohen. "Zurückgeblieben sind die Armen", sagt Audo. "Im Stadtkern haben wir große Probleme, seit die Kämpfe ausgebrochen sind. Viele Menschen haben die Vorstädte, die vor allem von der syrischen Unterschicht bewohnt waren, verlassen und sind in den Stadtkern geflüchtet."

Dort leben sie nun in Moscheen, Schulen und Gärten, beschreibt Audo die Situation vor seiner Kathedrale. "Manchmal leben drei oder vier Familien in einem einzigen Klassenzimmer. Und wenn wir in Syrien von Familie sprechen, reden wir von fünf bis zehn Personen. Das Antlitz der Stadt hat sich verändert. Man sieht die Armut und die Misere der Menschen an jeder Straßenecke."

Mit Nahrungsmittelpaketen, finanzieller Unterstützung für Mieten und Hausbesuche bei betagten Bürgern Aleppos helfen Audos Mitarbeiter. Das Geld dafür nach Syrien zu bekommen ist immer schwieriger geworden. Internationale Sanktionen machen einen Geldtransfer direkt ins Land unmöglich. Komplizierte Ausweichmodelle müssen gefunden werden, "aber wir sind mittlerweile gut organisiert", meint der Bischof.

Irakische Flüchtlinge flüchten erneut

In dem seit mehr als zwei Jahren stark konfessionell geprägten Konflikt verhalten sich die Christen zurückhaltend. "Die Christen haben die Erfahrung des Irak gemacht. Viele sind ab 2003 nach Syrien geflüchtet, das hat man nicht vergessen." Allein in Aleppo lebten 1.000 Familien aus dem Irak, die vor religiösen Extremisten fliehen mussten. "Heute sind es nicht mehr als 50 irakische Familien."

Der Bürgerkrieg sei ein gewaltsamer, religiöser und ethnischer Konflikt, der von Kräften von außerhalb manipuliert werde, konstatiert der katholisch-chaldäische Würdenträger. Der Konflikt spiele sich sowohl im Landesinneren als auch auf internationaler Ebene ab. "Auf lokaler Ebene besteht das Problem, dass eine religiöse Minderheit (Alawiten, Anm.) über eine sunnitische Mehrheit herrschte. Doch die religiöse Problematik gibt es auch auf regionaler Ebene, speziell mit dem sunnitischen Einfluss aus Saudi-Arabien und dem schiitischen Einfluss aus dem Iran." Viele Menschen, besonders auf dem Land, würden mithilfe von Geld und Waffen benutzt, um diesen Krieg zu unterstützen.

"Ein Naher Osten ohne Christen wäre sehr traurig für alle"

"Wenn Extremisten an die Macht kommen, werden die Christen massenhaft das Land verlassen." Die Gefahr für das Christentum im Nahen Osten sei real, im Irak hat sich die christliche Bevölkerung halbiert, in Syrien würden Kämpfer immer öfter zeigen, dass sie im Namen der Religion kämpfen. "Christen fürchten diese Form der Gewalt", sagt Audeo. Dabei sei gerade Syrien eines der Kernländer der Christenheit, einige der ältesten christlichen Stätten und Klöster befinden sich dort.

Ein Verschwinden des Christentums im Nahen Osten wäre nicht nur für die Region ein großer Verlust. "Es wäre auch ein großer Verlust für den Islam. Einige Extremisten denken zwar, die Christen aus dem Land zu haben wäre ein Sieg, doch sie verlieren dadurch eine Referenz für ihre eigene Religion. Um wir selbst zu sein, brauchen wir ein Gegenüber, um zu reflektieren. Das würde verlorengehen. Ein Naher Osten ohne Christen wäre sehr traurig für alle." (Stefan Binder, derStandard.at, 27.11.2013)