Genf - Bali soll Schwung bringen, vor allem für die gelähmte Welthandelsrunde: So steht es im Drehbuch der Welthandelsorganisation für ihr Ministertreffen auf der Insel. Die Konferenz endet am Freitag, ein Erfolg aber zeichnet sich nicht ab. So dürfte auch die Welthandelsrunde weiter vor sich hindämmern. Dabei startete alles sehr hoffnungsvoll:

Die WTO-Mitglieder beschlossen 2001 in Doha, Katar, über eine allgemeine Liberalisierung für Industriegüter, Dienstleistungen sowie Agrarerzeugnisse zu verhandeln. Das Motto der Doha-Runde: je offener die Märkte, desto mehr Wohlstand. Man verhandelt über einen weitreichenden Abbau der Zölle, der Kontingente, der Subventionen und über die Vereinheitlichung von Standards, etwa bei Elektrogütern. Die Doha-Runde sollte zudem die Entwicklungsländer besser in die Weltwirtschaft einbinden. Inzwischen versuchen 159 arme und reiche, große und kleine WTO-Mitglieder Vorteile zu ergattern, jedes Land hat praktisch ein Vetorecht. Es gilt: Ein neuer Welthandelsvertrag steht erst dann, wenn Einigung in allen Einzelbereichen erzielt ist.

Dabei müssen so unterschiedliche Interessen wie die der österreichischen Landwirte, der deutschen Automobilindustrie, amerikanischer IT-Hersteller sowie indischer und afrikanischer Kleinbauern unter einen Hut gebracht werden. Der frühere WTO-Generaldirektor Pascal Lamy brachte das Problem der Mammutverhandlungen auf den Punkt: "Die Verhandlungsmaterie ist zu komplex und kompliziert geworden." Spätestens seit 2008 herrscht in der Runde Stillstand. Zumal der Streit um die Öffnung der Agrarmärkte zwischen armen und reichen Ländern kaum zu lösen ist.

Heute suchen sich mehr und mehr Wirtschaftsmächte ihre Vertragspartner selbst aus: Statt auf die träge WTO zu warten, versuchen es Staaten und Blöcke wie die EU und die USA mit regionalen oder bilateralen Handelsabkommen. Im Sommer 2013 waren rund 380 dieser Deals in Kraft.

Somit entsteht ein Geflecht von Handelsabkommen rund um den Globus, die unabhängig vor der WTO bleiben. Firmen müssen sich mit einer Vielzahl unterschiedlicher Bestimmungen zu Zöllen, Kontingenten, Subventionen und Standards herumschlagen. (Jan Dirk Herbermann aus Genf, DER STANDARD, 6.12.2013)