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Michael Häupl und Erwin Pröll als Puppen bei Maschek.

Foto: APA/HOCHMUTH

Die Erkenntnis, dass die Politik und das Theater Gemeinsamkeiten haben, mag niemanden mehr überraschen. Das macht sozusagen keinen wissenschaftlicher "Knalleffekt". Doch wie sehr Begriffe aus der Welt des Theaters in der Alltagssprache und dabei vor allem im politischen Diskurs und der Auseinandersetzung der Medien mit Politik verankert sind, ist auch jenen nicht bewusst, die sich ständig dieser Begriffe bedienen.

Jakob Reichsöllner, Absolvent der Grazer Germanistik, legte in seiner Masterarbeit auf über 400 Seiten über 200 Begriffe als Belege dafür vor - unzählige aus aktuellen Medienberichten des deutschsprachigen Raums.

Das "Lampenfieber", die "Rampensau", den "peinlichen Auftritt" kennt man ja aus verschiedensten Lebensbereichen, doch selbst die "Person" (vom lat. persona), bezeichnete ursprünglich den Schauspieler bzw. sogar dessen Maske, die schon im etruskischen Wort "phersu" für Maske zu finden ist, wie Reichsöllner, der in seiner Arbeit einen kleinen Exkurs bis in die Urzeiten des Theaters macht, ausführt. Auch das "Blackout", das man heute für Stromausfälle wie Erinnerungsausfälle verwendet, stammt vom Abdrehen der Lichter zwischen den Szenenwechseln.

Vokabular für Scheinwelten

Besonders oft sind es Scheinwelten, oder übertriebene und künstlich verfälschte Verhaltensweisen, die mit dem Vokabular der "Bretter, die die Welt bedeuten" beschrieben werden sollen. Wobei sich vielleicht genau hier der Kreis zur Politik und ihren "Akteuren" schließt. Wer hat nicht schon einmal von einem "Theaterdonner" bei Koalitionsverhandlungen gehört, von Politikern, die ihren "Abgang" inszenieren und, bevor sie "in der Versenkung verschwinden", noch die "Rolle" des Nachfolgers "hinter den Kulissen" vorbereiten - oder sogar weiter im Verborgenen "die Strippen ziehen".

Ein Wort, "das überhaupt fast nur mehr in politischen Zusammenhängen verwendet wird, ist die Farce", erzählt der Germanist dem STANDARD, und fast ebenso häufig hört und liest man von Politpossen.

Medien lieben solche Metaphern offenbar besonders. Die Krone schrieb vom EU-Kasperltheater, die Zeit nannte Clintons Syrienpolitik eine Farce. Prinzipiell falle auf, so Reichsöllner: "Je qualitativ hochwertiger ein Medium ist, desto sprachverspielter."

Ein Wort, das etwa Schweizer Zeitungen der Opposition im Umgang mit der Staatsschuldenkrise vorwarfen, nämlich Hypokrisie, stammt auch aus der Theatersprache und bedeutet Verstellung aber auch Scheinheiligkeit. In Österreich könnte man es beim schnellen Drüberlesen freilich leicht mit einer Krise um eine Bank verwechseln.

Reichsöllners Arbeit ist Teil eines vor zehn Jahren vom Mediävisten Wernfried Hofmeister initiierten Projekts der Grazer Germanistik namens "Deutsche Sprachschätze". Seit 2013 begab man sich hier etwa schon auf die Suche nach Begriffen aus den Metaphernbereichen Wehrhaftigkeit, Sport, Religion, Musik, Nahrung, Mathematik und Spiel.

Noch in Arbeit sind die magischen Wortschätze. Da warten "guter Geist" und "Teufelskreis". (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 11.12.2013)