SchülerStandard: Ihre auf dieser Seite abgedruckte Antwort auf meinen Brief bezüglich der Feldtestung sorgte für Aufsehen. Es klang danach, als wäre die Mathematik-Zentralmatura unausgereift.

Peter Simon: Da habe ich mich anscheinend schlecht ausgedrückt. Die Aufgaben für die Matura 2015 sind längst im Kasten. Bei den Feldtestungen geht es um die Aufgaben für die Jahre ab 2016.

SchülerStandard: Die Zentralmatura wird momentan stark kritisiert. Zweifeln Sie nicht schon selbst an diesem Projekt?

Simon: Ganz im Gegenteil. Kritik zwingt uns dazu, die Informationsverbreitung zu erhöhen.

SchülerStandard: Kritisiert wird etwa, dass für die kompetenzorientierte Matura mathematisches Verständnis vonnöten ist. Wie kann das vermittelt werden?

Simon: Durch das Üben von Aufgaben kann sehr wohl Verständnis beigebracht werden. Heute hat mich ein besorgter Vater angerufen: Einerseits verfolgte er die Medienberichterstattung, andererseits schaute er sich die Übungsbeispiele auf unserer Website an. Er sagte, die Beispiele seien weniger umfangreich als vor 30 Jahren. Er verstehe die Aufregung nicht.

SchülerStandard: Allerdings konnte man damals mit Auswendiglernen durchkommen.

Simon: Das Auswendiglernen von Schemata, das ich drei Tage später wieder vergessen habe, halte ich nicht für höhere Allgemeinbildung. Die Matura soll so anspruchsvoll sein, dass sie als höhere Allgemeinbildung anerkannt werden kann; andererseits soll sie für den Großteil schaffbar sein.

SchülerStandard: Mehr als die Hälfte der Mathematikschularbeiten nach dem neuen System in den siebten Klassen sind negativ ausgefallen. Das entspricht nicht wirklich einem Großteil.

Simon: Das ist eine Fehlinformation. Nur rund zehn Prozent mussten wiederholt werden. Diese sind aber nicht unbedingt auf das neue System zurückzuführen. Eine Schularbeit in der siebten Klasse zu wiederholen ist meines Erachtens ein Klassiker.

SchülerStandard: Was kann dagegen unternommen werden?

Simon: Es wird bald einen Informationstag geben. Zu Beginn des zweiten Semesters werden wir dann eine von uns gestaltete Schularbeit zur Verfügung stellen. Die Ursache für negative Schularbeiten sind nämlich oft Fehlinterpretationen der Lehrer.

SchülerStandard: Auch das Benotungssystem ist in die Kritik geraten: Es soll vorgekommen sein, dass Schüler trotz gleicher Punkteanzahl mit "Gut" und "Nicht genügend" benotet wurden. Der Grund dafür ist, dass ein gewisser Prozentsatz der Grundkompetenzen (Teil eins) gelöst werden muss, damit die Arbeit positiv bewertet wird.

Simon: Man kann den zweiten Teil nicht lösen, wenn man die Grundkompetenzen nicht lösen kann. Das wäre nur unter Zuhilfenahme technischer Geräte oder mit dem Einfluss von Nachhilfelehrern möglich. Würde das geschehen, wäre das System zu Recht in der Kritik.

SchülerStandard: Kreuzt ein Schüler bei einer Multiple-Choice-Aufgabe mit vier richtigen Antworten nur drei an, bekommt er keinen Punkt. Wird da nicht ein Flüchtigkeitsfehler mit Nichtverstehen gleichgesetzt - das "Alles-oder-nichts-Prinzip"?

Simon: Bei Multiple-Choice-Aufgaben ist die geforderte Kompetenz nur vorhanden, wenn alle vier Antworten angekreuzt sind. Bei Beispielen, bei denen im Vorfeld gerechnet werden muss, bekommt man auch Punkte, wenn der Rechenweg einen kleinen Schönheitsfehler aufweist. Eine Fachkommission wird in Zweifelsfällen über richtig oder falsch entscheiden.

SchülerStandard: Glauben Sie an die Durchführung der ersten Zentralmatura 2015?

Simon: Würde man es abermals verschieben, würden diejenigen bestraft werden, die sich seit Jahren auf das kompetenzorientierte System vorbereitet haben. (Philipp Koch, DER STANDARD, 11.12.2013)