Eine überbelegte Wohnung fällt zusammen mit einer Halbtagsschulordnung. Wenig Einkommen trifft auf ein einkalkuliertes Nachhilfesystem. Keine Unterstützung zu Hause kommt mit eigener Erschöpfung und Unkonzentriertheit zusammen. Und schlecht ausgestattete Schulen vereinen sich mit einem sehr selektiven Schulsystem. Elf Prozent der Volksschulen, 17 Prozent der Hauptschulen, aber nur zwei Prozent der AHS weisen eine hohe soziale Benachteiligung auf.

Trotz der im europäischen Vergleich geringen Kinderarmut schneidet Österreich in der sozialen Mobilität "nach oben" nur durchschnittlich ab. Wie stark hierzulande der Lernerfolg von Kindern am sozialen Status der Eltern hängt, zeigt die internationale Lesestudie Pirls auf: Hohe Bildung und damit hohes Einkommen und hohe berufliche Position bedeuten im hiesigen Schulsystem um 90 Punkte bessere Leistung, als Kinder aus Elternhäusern mit weniger Bildung und Einkommen erbringen. In anderen Ländern beträgt dieser Abstand weniger als 40 Punkte samt besserer Spitzenleistungen.

Die Förderung von Spitzenleistungen muss nicht auf Kosten der Förderung schwächerer Schüler gehen. Vielmehr können Schulsysteme ihre Besten für Spitzenleistungen qualifizieren, gleichzeitig aber dafür sorgen, dass der Abstand der schwächsten Schüler zu den besten gering ist. Pirls zeigt uns, dass die Unterschiede bereits vor der großen Bildungsentscheidung mit zehn Jahren beachtlich groß sind. Mit der "Erstselektion" nach der vierten Schulstufe wird der Turbo weiterer "sozialer Vererbung" gezündet.

Schule kann vieles nicht, aber in Richtung Chancengerechtigkeit doch mehr, als wir ihr hierzulande zutrauen. Warum also dieses Potenzial brachliegen lassen? Warum Kindern, die es schon von Haus aus schwer haben, es noch schwerer machen? Ob eine Schule diesen Teufelskreis zu durchbrechen hilft oder nicht, liegt an der Schulorganisation genauso wie an der Unterrichtsqualität, an der Schulraumarchitektur genauso wie an der Lehrerausbildung. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen. Erna Nairz-Wirth von der Wirtschaftsuniversität Wien hat in einer qualitativen Erhebung die systemischen Gründe für Schulabbruch analysiert. Risikofaktoren sind zu große Lerngruppen, mangelnde pädagogische Kooperation oder nichtvorhandenes Mentoring in den Schulen. Systemisch steigt das Risiko mit nichtvorhandenen ganztägigen Schulformen, dem System des Sitzenbleibens oder mangelnden vorschulischen Angeboten. Und außerschulisch läuft es falsch, wenn es keine Elternarbeit gibt, keine Öffnung zur Schulumgebung, zum Stadtteil oder keine Kooperation mit der offenen Jugendarbeit.

Eine Möglichkeit, da etwas zu verbessern, ist, Schulen in sozial benachteiligten Bezirken besonders gut auszustatten, damit sie keine Schüler zurücklassen und für alle Einkommensschichten attraktiv bleiben. Mit dieser schulpolitischen Intervention kann zwar die Spaltung in "gute" und "schlechte" Wohngegenden nicht aufgehoben werden - diese liegt ja in der Einkommens- und Wohnpolitik -, aber es kann in den Schulen einiges verbessert werden.

Die Niederlande, Zürich, Hamburg und auch Kanada haben mit einer kompensatorischen Mittelzuteilung gute Erfahrung gemacht. Mit einem solchen Sozialfaktor, der etwa Bildungsstand, Beruf und Einkommen der Eltern umfasst, würde eine Schule um einen bestimmten Prozentsatz mehr an Ressourcen bekommen. In Toronto heißt das "learning opportunity index". Wozu er dient, argumentieren die Kanadier so: "Schulen mit dem höchsten Wert haben die stärksten Herausforderungen zu bewältigen und brauchen daher die meiste Unterstützung". Maßzahlen beziehen sich auf die unmittelbare Wohnumgebung der Schüler und der Schule selbst. Die Modellschulen sind in acht Cluster gruppiert mit verantwortlichen Lehrern, Weiterbildung und Sozialarbeitern.

In Österreich wird man dabei besonders auf Unterrichtsqualität und Raumstruktur achten müssen. Wie wir aus dem hiesigen System wissen, bedeutet mehr Geld nicht automatisch, dass die Schule qualitativ besser wird. Deswegen muss jeder Standort ein Konzept entwickeln, wie er die Ressourcen am sinnvollsten einsetzt. Die Vorteile sind: Schulische Autonomie und Demokratie werden gefördert und Anreize für engagierte Pädagogen gesetzt. Das zahlt sich aus für die Kinder: bessere Leistungen, mehr Chancen und attraktivere Schulen. Das zahlt sich auch aus für alle anderen: Nach Schätzungen würde sich das jährliche Wachstum des Bruttosozialprodukts in Österreich um einen halben Punkt erhöhen, wenn sich der Anteil der Schulabgänger mit geringen Lesekompetenzen auf null reduziert. (Martin Schenk, DER STANDARD, 13.12.2013)