Die Bundestagswahl am 22. September hat die SPD verloren, den Mitgliederentscheid über große Koalition aber gewonnen. 76 Prozent Zustimmung lieferten die SPD-Mitglieder, das ist ein klares Bekenntnis zum schwarz-roten Bündnis, welches jetzt endlich an den Start gehen kann.

SPD-Chef Sigmar Gabriel hat hoch gepokert und war am Samstag endlich einmal Sieger. Zutiefst frustriert waren seine Sozialdemokraten nach der Wahl gewesen, viele konnten sich die Neuauflage einer großen Koalition, noch dazu unter Führung von Angela Merkel, nicht noch einmal vorstellen. Doch Gabriel und sein Team haben nicht nur bei den Verhandlungen einiges für die SPD herausgeholt, sondern sind auch das Wagnis der Mitgliederbefragung eingegangen.

Mehr als einmal hat die SPD-Spitze dabei gezittert. Man wusste nicht, wie jene vielen Mitglieder denken, die sich seit Jahren oder gar Jahrzehnten nicht mehr am sozialdemokratischen Leben beteiligt haben. Auch die Sorge vor zu geringer Beteiligung trieb die Parteispitze um. Doch dann zeigte sich: Die SPD-Mitglieder waren mit vollem Eifer dabei und setzten somit auch ein Zeichen gegen Politikverdrossenheit. Das Ergebnis von 76 Prozent Zustimmung macht deutlich, dass die SPD natürlich nicht hundert Prozent hinter der "GroKo" steht - aber das hat auch keiner erwartet. Doch die deutschen Sozialdemokraten sind bei weitem nicht mehr so gespalten wie nach der Ära von Gerhard Schröder, der ihnen die "Agenda 2010" bescherte - jene Reformen und Kürzungen im Sozialbereich, die tiefe Wunden bei vielen Genossen hinterließ.

Gabriel hat mit diesem Mitgliederentscheid neue demokratische Maßstäbe gesetzt und kann jetzt gestärkt als Vizekanzler in die große Koalition gehen. Denn CDU und CSU, bei denen der Koalitionsvertrag nur von kleinen Gremien abgenickt wurde, sehen plötzlich - trotz ihres deutlich besseren Wahlergebnisses - neben der SPD ziemlich alt aus. (Birgit Baumann, derStandard.at, 14.12.2013)