Ehe der Staatsterror des 20. Jahrhunderts die Menschen in die Maschinerie der Vernichtungslager jagte, war es in der Neuzeit überaus selten, dass das Todesdatum eines Schriftstellers unbekannt blieb. Doch wann der 1842 geborene Ambrose Bierce starb, wissen wir nicht; wir wissen nur, dass dieser sardonische Erzähler, der oft den schwarzen Humor avant la lettre zelebrierte, der Kämpfer im amerikanischen Bürgerkrieg, der umtriebige und wenig erfolgreiche Journalist vor hundert Jahren verschollen ist.

Er suchte sich für seinen Abgang ein interessant-gefährliches Terrain aus: Mexiko, in dem nach der Ermordung von Präsident Madero durch den Usurpator Huerta diverse Rebellenarmeen gegen die korrupte Regierung kämpften. In einem seiner letzten Briefe schrieb Bierce: "Ein Gringo in Mexiko zu sein - ach, das ist Euthanasie!" Der Mythos seines Verschwindens gehört unablösbar zu seinem Werk.

Bierce, dessen OEuvre vielleicht so etwas wie das geheime Zentrum der immer noch lesenswerten Monografie Edmund Wilsons über die Literatur und den amerikanischen Bürgerkrieg ist (Patriotic Gore, 1962), hat in einer Reihe von Erzählungen - gesammelt in dem Band In the Midst of Life - dem Entsetzen des Krieges eine bis dahin nicht gekannte knappe Intensität verliehen. Der Titel Mitten im Leben ist natürlich die erste Hälfte eines Satzes, der den Tod beschwört: "Media in vita in morte sumus."

Der Tod erscheint hier in seltsamen Maskierungen: In seiner vielleicht berühmtesten Geschichte, Ein Vorfall an der Owl Creek Bridge, stürzt ein kriegsgefangener Soldat, der von der Gegenseite gehängt werden soll, von der Brücke in den Fluss, als der Strick bei der Exekution reißt. Und er kann vor den Schüssen der Feinde fliehen, durch eine seltsame Landschaft, bis er zu seinem eigenen Anwesen kommt - wie er auf seine Frau zustürzt, um sie in die Arme zu schließen, spürt er einen furchtbaren Schlag auf den Nacken; die endlose Sterbesekunde des Gehängten ist beendet.

Sein irrealer Gang durch die Einöde - "die beiden langen Reihen von Bäumen, die sich am Horizont treffen, die unbekannten, bösen Sternbilder, das Flüstern in einer unbekannten Sprache" (Kingsley Amis) - ist unvergesslich. In einer anderen Geschichte, die den Namen einer der großen Bürgerkriegsschlachten trägt (einer, an der Bierce teilgenommen hat): "Chickamauga", begegnet ein taubstummer kleiner Junge auf dem verlassenen Schlachtfeld den einherstolpernden Scharen der Verwundeten; er begreift nicht, was vorgefallen ist, lacht über die rotverschmierten Clownsgesichter, erschrickt über einen Mann ohne Unterkiefer, versucht, über eine Reihe der dahinkriechenden Verletzten hinweg Bockspringen zu spielen.

Dann läuft er nach Haus; das Haus steht in Flammen, die Mutter, von einer Granate getroffen, liegt tot da. All dies ist mit einem sehr wirksamen Lakonismus beschrieben, der Bierce nicht immer zu Gebote stand, aber seine besten Texte auszeichnet. "Er hatte auch ein genuines Talent, in seinen Geschichten aus dem Westen die Einsamkeit abgelegener Hütten zu erfassen, deren Dach halb eingefallen ist und neben denen im Wald ein paar Grabkreuze stehen, die aufgelassenen Silberminen in Nevada mit einem Skelett auf dem Grund des Schachts, die leeren Gebäude in San Francisco, von denen niemand mehr den Besit- zer weiß, in die aber nachts ein Unbekannter hineinschleicht" (Edmund Wilson).

Der Großteil von Bierce' Werk kann kaum als das eines großen Schriftstellers bezeichnet werden - eine allzu hartnäckige Koketterie mit der Grausamkeit, oft eine Verliebtheit des Autodidakten in rhetorisch auftrumpfende Sprachgesten verhindern das. Doch einige seiner Erzählungen sind Meisterwerke.

Diese großen Texte lassen auch die anderen Produktionen des Autors stets interessant erscheinen; auf zwei deutschsprachige Neuerscheinungen, mit denen neue Leser von Ambrose Bierce beginnen könnten, sei kurz hingewiesen. Bei Manesse wird noch einmal Bierce' mit den Mitteln der Begriffsdefinition arbeitende Aphoristik vorgestellt: The Devil's Dictionary, von Gisbert Haefs als Des Teufels Wörterbuch neu übersetzt (mit einem Hinweis zu den Grenzen der Übersetzbarkeit des wortspielreichen Textes im Nachwort) und kommentiert. Der klug und sorgfältig gemachte Band ist vielleicht vom Verlag paradoxerweise ein wenig zu schön ausgestattet - in dem Sinne, dass dieses erlesen verruchte schwarzsamtene Bändchen mit roter Strichzeichnung den Eindruck eines diabolischen Breviers der Décadence hinterlässt.

Mit dem Satanismus hat das Wörterbuch des Teufels gar nichts zu tun, alles dagegen mit einer zynischen, eher etwas frech-abgerissen daherkommenden Haltung der altklugen Desillusioniertheit ("Langweiler: einer, der redet, wenn er dir zuhören sollte." - "Elster: Vogel, dessen Hang zum Diebstahl die Mutmaßung nahelegt, man könne ihn zum Reden bringen"). Die rühmenswerte Friedenauer Presse legt in der Übersetzung von Rainer G. Schmidt einige bisher unübersetzte Texte von Bierce vor: Die Luftspiegelung und andere schräge Sichten, eine schöne kleine Sammlung mit interessanter Pointierung von Erfindung und Technik.

Der letzte Brief von Bierce aus Mexiko, den wir nicht mehr besitzen, über den es aber eine Notiz der Adressatin gibt, trug das Datum des 26. Dezember 1913, wurde also vor hundert Jahren geschrieben. Weiter wissen wir nichts mehr, wir wissen eben nur, dass der mexikanische Bürgerkrieg, in den Bierce hineinreiste - als Agent der amerikanischen Regierung? als neugieriger und kriegserfahrener Journalist, der Pancho Villa aufsuchen wollte? als halber Suizidant? - eine außerordentlich chaotisch-gefährliche Situation abgab. Ist er im Jänner in der Schlacht von Ojinga ums Leben gekommen?

Man hat es vermutet, aber es gibt keine Indizien. Hat er eine neue Identität angenommen? Ist er - ein kleiner Mythos der Lovecraft-Schule - in das von ihm selbst in einer kleinen fantastischen Erzählung entworfene, "ferne Carcosa" entrückt worden? Jedenfalls hat er in einem unebenen, vielfach irritierenden Werk eine schmale Zahl Texte hinterlassen, die jede Generation neu für sich entdecken wird. (Joachim Kalka, Album, DER STANDARD, 28./29.12.2013)