Wien - "Warum haben Sie da mitgemacht?", will Vorsitzende Michaela Röggla-Weisz von Mirsad D. wissen. "Es war Freitag. Wir haben Geld gebraucht, um noch wegzugehen", gibt der 16-Jährige zur Antwort. "Bekommen Sie Taschengeld?" "Ja, zehn Euro pro Tag." "Das ist aber relativ viel. Was machen Sie mit dem Geld?" "Na ja, ich kaufe mir Zigaretten, was zum Essen und Trinken."

Offensichtlich mehr, als er sich leisten kann. Denn Staatsanwältin Isabell Papp wirft ihm, seinem Cousin und einem Freund vor, mehrere Handyraube begangen zu haben. Die beiden Verwandten sollen auf der Straße schwächere Jugendliche bedroht, geschlagen und getreten haben, bis die ihre Handys und kümmerliche Bargeldbeträge hergaben. In einem Fall war eine Gaspistole im Spiel - ein schwerer Raub.

Der Drittangeklagte Erol H. ist über 18 Jahre alt - und damit der Einzige, der die hochpreisigen Mobiltelefone in den einschlägigen Handyshops verkaufen konnte. Bei dem bewaffneten Raub ließ er überdies die Waffe nach der Tat verschwinden. Er beteuert allerdings, unterstützt von Verteidiger Philipp Winkler, dass er nicht im Voraus wusste, dass die anderen die Pistole tatsächlich zücken würden.

Zweifach einschlägig vorbestraft

Der Erstangeklagte ist der 17-jährige Sami S., zweimal einschlägig vorbestraft. Eine der Verurteilungen stammt von Röggla-Weisz, die nun fragt, warum er zwischen September und Oktober in drei Wochen sechs Überfälle begangen hat. "Ich hatte draußen nicht die Zeit nachzudenken." Nun sitzt er in Untersuchungshaft und hat Zeit. "Und wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?", fragt die Vorsitzende. "Ich will ein neues Leben anfangen und in der Haft eine Mechanikerlehre machen."

Zweitangeklagter D. kann übrigens etwas zur Aufklärung des Tatzeitraumes beitragen. "Ich habe das Gymnasium gemacht, aber dann die Schule abgebrochen. Und im Herbst sind wir aus dem Urlaub zurückgekommen." Viel Zeit und wenig Geld sind eine gefährliche Mischung.

In einem Fall ging man aber einigermaßen kreativ vor: D. und S. sprachen auf der Straße ein Opfer an und baten um dessen Handy, um ihre Mutter anrufen zu können. Der Bursch gab es ihnen, plötzlich tauchten zwei Komplizen auf und "raubten" S. das Telefon. Der anschließend mit dem eigentlichen Opfer sogar zur Polizei ging, um Anzeige zu erstatten.

Für gewisse Erheiterung sorgt eines der jungen Opfer. Nach seiner Aussage steht der Erstangeklagte auf und entschuldigt sich bei ihm. Der Zeuge sieht ihn überrascht an: "Wieso? Du warst eh nicht dabei", demonstriert er, wie heikel Zeugenaussagen sein können.

Umdenken durch Haftübel

Mirsad Musliu, Verteidiger von S., weiß, dass sein Mandant ins Gefängnis muss. Im Schlussplädoyer bittet er daher um eine milde Strafe: "Am Ende des Tunnels sollte man eine Kerze angezündet lassen." Im Zusammenhang mit den beiden ersten Verurteilungen sei S. nie in Haft gewesen - "ein Umdenken findet bei manchen Jugendlichen erst dann statt, wenn sie das Haftübel verspürt haben".

Bei einem Strafrahmen von einem halben bis siebeneinhalb Jahren brennt der Kerzendocht. Der Schöffensenat verurteilt S. zu zwei Jahren unbedingt, dazu kommen acht Monate aus einer Vorstrafe. D. bekommt 21 Monate, davon zwei Wochen unbedingt, die er bereits in Untersuchungshaft verbüßt hat. Der Drittangeklagte kommt mit 16 Monaten bedingt davon. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 13.01.2014)