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Om Schalom! Der Nachbar soll feiern dürfen.

Foto: reuters/LAURENT DUBRULE

Ja, ich geb's ja zu. Vielleicht bin ich unleidlich, weil die Wohnung über mir seit sechs Monaten generalsaniert wird. Also praktisch Sandwichsituation: über mir die Baustelle, unter mir Benny. Wenn der Nachbar unter mir gegen halb sieben Uhr morgens schlafen geht, bleibt eine gemütliche halbe Stunde, bis die Bauarbeiter über mir anrücken und hämmern, bohren oder stemmen – was Bauarbeiter halt so tun.

Gern auch einmal am Wochenende oder bis 19 Uhr, wenn der Zeitplan eingehalten werden muss. Ab 19 Uhr dann wieder Benny, Sie wissen schon. Trotzdem wohnen, ach, zwei Seelen in meiner Brust. Die eine sagt: Du willst in einer Stadt leben, in einem urbanen Umfeld. Da hat man eben Nachbarn, die kann man sich nicht aussuchen. Und: Man hört sie auch. Die andere säuselt: Gut und schön, aber ein bisschen Rücksicht wird man ja wohl noch verlangen dürfen im gegenseitigen Miteinander! Jetzt habe ich ihm schon fünfmal erklärt, dass es da ein Schulkind gibt und so weiter und so fort.

Andererseits. Andererseits kann ich mich noch genau an die Party erinnern. Jene Party, die eigentlich gar keine Party war, sondern ein bloßes gemütliches Zusammensitzen in einer Studenten-WG, so um ein Uhr nachts. Einer hatte schon ein Kind, das damals um die zwei Jahre alt war. Deshalb haben wir uns in seiner Wohnung getroffen. Das Kind schlief friedlich nebenan, während wir plauderten, zuerst mit Musik, dann ohne. Trotzdem hat ein Nachbar die Polizei gerufen. Er fühlte sich allein durch die Stimmen gestört.

Unser Argument, dass es wohl nicht laut sein könne, wenn das Kind daneben selig schlummere, blieb ungehört. Der Kindsvater musste sogar ob frecher Widerrede mit auf die Wachstube. Damals war nicht gut Kirschen essen mit der Polizei in Wien. Und jetzt bin ich selbst so weit, die Polizei zu rufen? Wir waren vier damals, mit dem schlafenden Kind fünf. Dem Gemurmel nach zu schließen sind die da unten circa auch so viele. Und ja, es stört mich. An die zehn Mal bin ich diese Nacht aufgewacht, erst vom Bass, dann von den Stimmen, einem fröhlichen Lachen. Aber ja, das muss sein dürfen.

Wie schreibt eine Freundin so schön: Bei dem, was wir gefeiert haben, dürfen wir uns auch die nächsten zwei Leben nicht beschweren. Om Schalom! Schwer fällt es trotzdem. Mein stilles Abkommen mit mir selbst ist derzeit: Ich toleriere das, solange er das Kind nicht weckt. Wacht das Kind auf, rufe ich die Polizei. So. Und was die Prüfung betrifft: nein, nicht Gender Studies. Medienökonomie und Medienmanagement. Aber davon später. (Tanja Paar, derStandard.at, 16.1.2014)