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Hannes Reichelt schnupperte am Sieg, aber das Schweizer Publikum jubelte über einen Heimsieg.

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Ein neues Siegergesicht in der Abfahrt: Patrick Küng.

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Wengen – Patrick Küng hat am Samstag das Lauberhorn zum Beben gebracht. Der Schweizer gewann in Wengen 0,06 Sekunden vor dem Österreicher Hannes Reichelt, der damit hauchdünn am ersten Speed-Sieg der ÖSV-Herren seit fast 13 Monaten vorbeischrammte. Die Strecke war wegen Windes um rund eine Fahrminute stark verkürzt worden, das schmälerte den Jubel der 29.000 begeisterten Zuschauer aber keineswegs.

"Es gibt einfach nichts schöneres als einen Heimsieg", freute sich Küng nach dem zweiten Weltcup-Triumph seiner Karriere. Den ersten hatte der 30-Jährige im Super-G in Beaver Creek am 7. Dezember 2013 gefeiert. Riesenjubel herrschte natürlich auch in der rot-weiß-roten Trainerfraktion im Schweizer Herren-Team. "Mit diesem Sieg ist die Saison eigentlich fast schon gerettet", strahlte der Salzburger Rudi Huber, der Alpinchef der Eidgenossen.

Erleichterte Schweizer

Den Sieg besonders genossen haben natürlich auch der Steirer Walter Hubmann (Speed-Trainer) und der Salzburger Walter Hlebayna (Herren-Chefcoach). Küng sorgte nur zwei Jahre nach dem Triumph von Beat Feuz für den nächsten Wengen-Triumph der sonst meist arg gebeutelten Schweizer.

"Der Druck hier in der Schweiz ist auch sehr groß, ähnlich wie in Österreich. Wengen ist natürlich der beste Ort für uns, um einen Sieg zu feiern", meinte Küng, der nun die Rolle als Olympia-Co-Favorit annimmt: "Klar gehöre ich dort jetzt zu den Favoriten, aber ich mache mir da jetzt noch nicht so viele Gedanken."

Trotz gutem Ergebnis frustrierte Österreicher

Für ÖSV-Cheftrainer Mathias Berthold war es zum Haare raufen. Als Reichelt mit dem Minimalrückstand ins Ziel kam, knallte der Vorarlberger im ersten Ärger seinen Skihelm in den Schnee. Denn Reichelt und Berthold wussten, dass der Salzburger im Ziel-S den Sieg verschenkt hatte. "Der Ärger über das Ziel-S ist schon da. Aber hier Zweiter zu werden ist großartig", sagte Reichelt, der in den jüngsten drei Abfahrten in Wengen die Plätze zwei, drei und zwei belegte.

"Man kann, glaub' ich, sagen, dass mir diese Strecke liegt", meinte Reichelt, der in den beiden Trainings ausgerechnet im Ziel-S besonders geglänzt hatte. Vor dem Rennen war der 33-Jährige schon enttäuscht gewesen, dass nicht über die volle Distanz gefahren, sondern wegen des Windes erst unterhalb der Minschkante gestartet wurde. "Das ist nicht Wengen. Wengen macht die Länge aus. Aber im Nachhinein ist es schön, dass die vielen Fans ein Rennen gesehen haben. Und dann noch dazu einen Schweizer Sieg. Pech für mich, Glück für sie", so Reichelt.

Die ÖSV-Truppe präsentierte sich in Wengen einmal mehr mannschaftlich stark. Hinter dem drittplatzierten Norweger Aksel Lund Svindal folgte Max Franz auf Rang vier. Matthias Mayer als Sechster und Romed Baumann als Achter schafften es ebenfalls ins Spitzenfeld. Klaus Kröll, Wengen-Sieger 2011, kam nicht über Rang 17 hinaus.

Ziel-S als Kriterium

Wie Reichelt vergeigte auch Franz im Ziel-S eine noch bessere Platzierung. "Ich bin viel zu gerade ins Ziel-S gefahren. Das hat mich einiges gekostet, ich war leider zu ungeduldig", wusste der Kärntner, der vor Wengen wegen einer Beinhautentzündung mehr als zwei Wochen nicht auf die Ski gestiegen war. Zur deutlich entschärften Lauberhorn-Abfahrt meinte Franz: "Im Vergleich zur vollen Distanz war das ein Kindergarten."

Die Analyse von Mayer deckte sich mit jenen von Reichelt und Franz: "Die Leistung gibt mir Grund zur Freude, ich fahre konstant stark. Aber im Ziel-S hab' ich einige Hundertstel liegen gelassen." Dass den ÖSV-Herren weiterhin seit Ende Dezember 2012 kein Speed-Sieg gelungen ist, begründete der Kärntner folgendermaßen: "Es zeichnet sich schon die ganze Saison ab, dass wir geschlossen schnell sind. Aber ein paar Hundertstel fehlen halt immer."

Baumann freut Formkurve

Baumann gestand, dass die Schrecksekunde von der Super-Kombi am Freitag Wirkung gezeigt hatte. Da hatte der Tiroler bei der Einfahrt ins Ziel-S seinen rechten Ski verloren und war ins Sicherheitsnetz gekracht. "Zum Glück haben sie in Wengen weiche Netze, mir ist überhaupt nichts passiert. Aber ein bisschen ist das schon im Hinterkopf mitgefahren", meinte Baumann, der sich dennoch über eine "stark ansteigende Formkurve" freute.

Svindal wurde eine Hundertstel hinter Reichelt Dritter, baute seine Führung im Gesamt-Weltcup auf Marcel Hirscher aber auf 82 Punkte aus. "Mit einem Podestplatz muss man immer zufrieden sein, einmal hat man die Hundertstel für sich und einmal gegen sich. Es ist schade für den Sport, dass wir nicht von ganz oben gefahren sind", bilanzierte Svindal. Hirscher freute sich auf der Anreise nach Wengen über die starke Leistung seiner ÖSV-Kollegen, am Sonntag im Slalom auf dem Lauberhorn greift der 24-Jährige dann wieder selbst ins Geschehen ein.

Den Abfahrtsassen bleibt jetzt nur wenig Zeit zum Verschnaufen. Es wartet bereits die gefürchtetste Abfahrt des Weltcups, die Streif in Kitzbühel. Das erste Training dürfte allerdings aufgrund der prekären Schneesituation mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht am Dienstag, sondern erst am Mittwoch über die Bühne gehen. Die Entscheidung darüber soll noch am (heutigen) Samstag fallen.(APA, 18.1.2014)