In jedem Fall aber kann man ihn laufen. Und egal ob man das ganz, halb oder als Teil einer Staffel tut: Das macht Spaß. Obwohl in der Unschärfe der medialen Betrachtung daraus dann oft ein "Marathon mit über 42.000 Teilnehmern" wird

"Wieso tun Menschen das eigentlich?", fragte Elisabeth Scharang. Der VCM warf seine Schatten voraus - und die Moderatorin des FM4-Jugendzimmers hatte die Dramaturgin Ines Häufler und mich eingeladen. Scharang läuft nicht. "Ich finde die Monotonie der Bewegung langweilig", meinte sie - und staunte dann doch, als wir und die Anrufer ihr erklärten, dass Läufer manchmal vielleicht verzweifelt dreinschauen, sich aber dabei nicht zwingend so fühlen müssen. Außer sie "strunzen": dann grinsen sie - und leiden innerlich.

Foto: Thomas Rottenberg

Ich habe ja mit dem VCM noch eine Rechnung offen. Weil ich mich im Vorjahr da bei einer niedrigen Kilometertafel aus purer Blödheit so richtig nachhaltig verletzt habe. Andere haben da ganz andere Konflikte mit dem Stadtlauf am köcheln. Das reicht von der bewussten Unschärfe im Umgang mit Gesamt- und Marathonteilnehmerzahlen, Startmodalitäten, die für Streckenverstopfung für Normalos sorgen, aber halt geile Bilder liefern, bis hin zu leergeräumten Versorgungsstellen im letzten Teil des Rennens.

Eigentlich wollte ich das ausblenden. Aber: Während bei praktisch jedem Lauf im Starterpackage tatsächlich nette "Goodies" zu finden sind, wird das Sackerl beim VCM jedes Jahr schlanker. Ich war mit meiner Verblüffung nicht allein. Auf Facebook kommentierte Uschi F. dieses Bild mit: "Ich, verwöhnt vom Frauenlauf: "Ah ja, danke für die Startnummer. Wo gibts Goodies und Leiberl?" Die Alte hat mich angeschaut als wär ich wo angrennt."

Foto: Thomas Rottenberg

Das Ehrgeizler-Gedränge in den vorderen Startblöcken und Reihen ist nicht so meins. Und weil ich grippebedingt ohnehin nicht die Volldistanz laufen durfte und auch die halbe eher gemütlich und mit Freunden angehen wollte, starteten wir ganz ganz ganz hinten.

Foto: Thomas Rottenberg

Über die Startlinie kamen wir 23 Minuten nachdem die Elite losgerannt war. Der Vorteil der hintersten Startreihe: Das Feld der langsamen Läufer zieht sich schneller auseinander, als das der Schnellen. Man läuft dann zwar Slalom - aber läuft zumindest. Und: Man überholt ständig - und wird selten überholt. Das kann schon motivierend sein.

 

Foto: Thomas Rottenberg

Flo Albert ist einer meiner engsten Laufbuddies. Er lief seinen ersten Halbmarathon. Im wirklichen Leben ist der Fotograf, heute gab er aber den Kameramann: Die GoPro auf der Kappe machte automatisch ein Bild pro Sekunde. Daraus zauberte die Timelapse-Software dann einen Zeitrafferfilm: 21 Kilometer in drei Minuten. Laufen ist ein bisserl weniger „smooth" als jene Sportarten, bei denen Actioncams normalerweise eingesetzt werden - aber das Ruckelige im Meditativen hat irgendwie auch was.

Hier der Link zu Flos Zeitraffer-HM: http://florianalbert.net/vcm-video

Foto: Thomas Rottenberg

Der Anfang lief genau nach Plan: Die Reihen lichteten sich rasch - und ich machte für meine Gang den 5:30er-Traktor.

Foto: Thomas Rottenberg

Was einen Marathon zum Volksfest macht, ist die Party, die das Publikum sich und den Läuferinnen und Läufern bereitet. In Berlin hatten rund eine Million Zuseher die Straßen gesäumt. Über 150 Bands hatten gespielt. Zusätzlich waren auf etlichen Balkonen Soundsysteme aufgebaut gewesen. Wien würde gern in der gleichen Liga spielen. Aber manchmal stimmen Werbeslogans halt doch: Wien ist anders.

Foto: Thomas Rottenberg

Natürlich waren da Menschen. Tausende. Zumindest als die Elite vorbei rauschte. Und natürlich kamen wir relativ viel später daher. Und an der Mentalität vieler Bewohner dieser Stadt sind die Macher des VCM nicht schuld. Aber das ist auch ein bisserl eine Frage von Henne & Ei. Sagen wir so: Das Volksfestding wäre in Wien deutlich ausbaufähig.

Foto: Thomas Rottenberg

Aber das muss man dann als Veranstalter eben auch wollen. Und welchen Stellenwert die Hobbyläufer und Hobbyläuferinnen haben, erlebten die, die hinten liefen, an Versorgungs- und anderen Engstellen: Die Untere Donaustraße ist hier zweispurig. Schon das ist im Grunde zu eng, um hier in solcher Dichte zu laufen. Aber weil die Elite den "Normalos" hier auch noch entgegen kommt, wird kurzfristig auf einspurigen Laufbetrieb umgestellt: Höflich gesagt ist das eine Zumutung - aber im Fernsehen schaut so ein dichtes Spalier an Läufern halt wirklich gut aus.

Foto: Thomas Rottenberg

Mozart rennt. Noch so ein Vorteil, wenn man ein großes Feld von hinten aufrollt: Man sieht all die Kostümierten oder sonstwie Lustigen. In Wien ist die Ausbeute da leider nicht so umwerfend. (Oder ich habe nicht gut genug aufgepasst.) Natürlich liegt das vor allem an den Laufenden selbst. Aber in anderen Städten gibt es mitunter auch Preise für die originellsten Kostüme.

Foto: Thomas Rottenberg

Aber keine Frage. Für den Tourismusstandort Wien sind die Bilder vom Marathon unbezahlbar. Zumindest jene, auf denen die schönen Seiten der Stadt zu sehen sind. Da geht es nicht nur um die TV-Bilder, sondern auch um die Erinnerungspics, die auf und neben der Strecke gemacht werden.

Foto: Thomas Rottenberg

Vor Gesundheit (hoffentlich) strotzende Menschen, die an den Sehenswürdigkeiten vorbei laufen, sind Geld wert. Ich wußte die Zahlen einmal, die irgendwelche Werbefuzzis für jedes „Klick" einer Kamera und jeden Click auf ein Bild errechnet haben. Da geht es um Cents. Aber das summiert sich recht schnell recht schön.

Foto: Thomas Rottenberg

Freilich: Für manche Motive gibt es dann auch wieder Punkteabzüge.

Foto: Thomas Rottenberg

Die Versorgungsstellen für das Normalofeld im letzten Abschnitt des Marathons dürften  heuer nicht wieder leer gewesen sein - das hätte sich schon rumgesprochen.

Was mir aber schon auf der Halbstrecke auffiel:
1.) In Berlin war es ebenso kühl wie in Wien - und dort gab es neben Wasser überall auch Tee. Lauwarmen Tee. Und
2.) Anderswo tragen Helferinnen und Helfer oft hygienische Einweghandschuhe. Aber dort sind die Bananenstücke geschält. Klar: Die Schale isst keiner - da braucht es also keine Handschuhe. Bloß: Raten Sie mal, wo die 20.000 Leute, die vor uns hier waren, die Bananenschalen hinwarfen ... Genau.

Foto: Thomas Rottenberg

Egal. Denn der Lauf selbst ist immer so schön, wie man ihn sich macht. Das liegt auch an den Leuten, die man unterwegs trifft: Lizzy Niedereder etwa, vielfache Lauf-Staatsmeisterin in mittlereen und langen Distanzen. Die stand knapp vor Schönbrunn in der Hadikgasse - und wartete auf den Staffelkumpan, den sie ablösen sollte.

Foto: Thomas Rottenberg

Auch so ein ungeklärtes Rätsel des Wien-Marathons: Wieso die Strecke nicht über den Wienfluss ein wenig knapper an Schönbrunn vorbei führt. Oder gar VOR dem Schloss durch den Schlosspark: Die Enge der Tore kann es angesichts der Nadelöhre, durch die das Feld sonst gequetscht wird, ja nicht wirklich sein - und die Bilder wären noch eindrucksvoller.

Foto: Thomas Rottenberg

Laufen ist nicht nur anstrengend, sondern auch ansteckend. Noch ein Grund, lieber im hinteren Pulk locker nach vorne zu laufen, als vorne auf Anschlag unterwegs zu sein und nur zu ehrgeizeln.

Foto: Thomas Rottenberg

Selbst- und Rollenbilder sind immer auch eine Frage des Augenzwinkerns.

Foto: Thomas Rottenberg

Wie oft heuer hier der Witz zur Schrittgeschwindigkeit in der Mariahilferstraße gemacht wurde? Keine Ahnung. Fakt ist aber, dass es auch hier noch/wieder einige Male haarsträubend eng wurde: Erschöpfte Halbmarathonis, die auf den letzten zwei Kilometern auf Autopilot noch einmal alles verbrennen, was noch da ist, und relativ frische Staffelläufer, die bergab Tempo und Zeit machen wollen, sind keine rücksichtsvoll-aufmerksamen Sportsfreunde.

Marathonläufer, die hier - auf halber Strecke - versuchen, einen gleichmäßigen Rhythmus zu halten, finden das oft nicht wirklich lustig. (Auch deshalb starten Halbmarathonläufer und Staffeln bei vielen großen Events nicht gleichzeitig mit den Marathonläufern. Das geht aber dann auf Kosten der TV-Bilder.)

Foto: Thomas Rottenberg

:-)

Foto: Thomas Rottenberg

Jedes Mal ein Hammererlebnis: Zieleinlauf. Erst recht, wenn man als Halbmarathonläufer halbwegs zeitgleich mit den Spitzenläufern des Marathons einläuft. Da kann man den Jubel von den Tribünen auch persönlich nehmen.

Foto: Thomas Rottenberg

Finisherzone. Spätestens hier zeigte sich, dass die Knausrigkeit beim Anmelde-Goodiebag beim VCM tatsächlich Teil des Konzeptes ist: In der Finisherzone gab es Wasser und alkoholfreies Bier. Und einen "Finisherbag" (ein Apfel, eine Banane, ein Energydrink, eine Flasche Wasser und zwei Stück Mannerschnitten plus viel Werbung). Die Läufer wurden möglichst rasch aus der Zone geschaufelt.  Das kommt - gelinde gesagt - unfreundlich rüber: Für die meisten Hobbyläufer ist auch "nur" eine Staffel eine außergewöhnliche Anstrengung.

Das wird anderswo honoriert und belohnt: Beim Wachaumarathon etwa stapelten sich Obst, verschiedene Getränke, Weckerln, Kuchen und Süßigkeiten in der Zielzone. Man konnte bleiben und die Speicher füllen, solange man wollte. In Berlin detto. Eigentlich überall. Sogar beim Wiener Silvesterlauf gab es neben dem "Normalprogramm" Tee und Schnitten bis zum Abwinken: Es ist also nicht Wien, das per se "anders" ist ...

Foto: Thomas Rottenberg

Freilich: Die meisten "Meinungsbildner" bekommen derlei nicht mit - sie lassen sich in der "Hospitality"-Area von einem der vielen Sponsoren in einem der Zelte fürstlich bewirten, massieren und verwöhnen. Wir verwöhnten uns lieber selbst. Und obwohl wir als Wiener natürlich Motschgern als erste Bürgerpflicht verstehen, war das Fazit abseits der Details dann doch einhellig: Das eigentlich Lauferlebnis war in Summe fein. Eben das, was wir selbst draus gemacht hatten.

Foto: Thomas Rottenberg

Trotzdem habe ich meine Rechnung aus dem Vorjahr mit dem Vienna City Marathon immer noch offen. Und auch wenn meine 1:48 für die halbe Strecke heuer eben der Spiegel der Wochen vor dem VCM 2014 waren, weil ich meinem Arzt versprechen müssen hatte, nie auf Anschlag zu laufen, hat sich daran nichts geändert:  Kommendes Jahr, am 12. April 2015, versuche ich es wieder. Laut Anmeldebestätigung habe ich 2015 die Startnummer 397. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 15.04.2014)

Von mehr als nur dem Laufen erzählt Thomas Rottenberg übrigens hier: www.derrottenberg.com

Foto: Peter Hörmanseder