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Mit politischem Funk und zu Tode getanzten Schwänen begeisterten Sympathieträger Michael Franti und seine Band Spearhead das Wiesener Festival-Publikum.

Foto: Archiv
Wiesen - Führt man sich manche Textauszüge aus Michael Frantis Songs trocken auf Papier und nicht in Musik eingebettet zu Gemüte, besitzen sie den schalen Geschmack naiver Weltverbesserungs-Lyrik: "Power to the peaceful!", heißt es da und "Fight militarism!". Die Lehre aus "We can bomb the world to pieces but we can't bomb it into peace" mündet folgerichtig in die Conclusio "Stay human!"

Brav, denkt man sich. Fehlen nur noch bunte Schmetterlinge, ein Lagerfeuer und dass sich endlich alle urlieb haben. Schaltet man jedoch den Ton zu den Texten, bläst es einem sämtliche knieweich-bekifften Hippie-Fantasien aus den Hirnwindungen: Statt naiver Schunkel- und Mitklatschmelodien regiert hier druckvoller Funk, angereichert um Elemente aus Rock und HipHop.

Und Franti deklamiert auch weit weniger kindlich: "They got a war for oil, a war für gold. A war for money and a war for souls. A war on terror and a war on drugs. A war on kindness and a war on hugs (...) Bush war 1 and Bush war 2, they got a war for me, they got a war for you!"

Mit solchen Themen - und mit gut zwei Metern Körpergröße - stach Michael Franti am Eröffnungstag des burgenländischen Sunsplash-Festivals letzten Freitag einsam aus dem Programm. Frönte dieses doch ansonsten behäbigen Grooves (etwa von Haja Madagaskar), testosterongesteuertem Dancehall von Sizzla sowie dem beseelten Roots-Reggae von Lucky Dub.

Mit Beschaulichkeit hatte Frantis Auftritt am frühen Abend nichts zu tun. Dazu stand seine sechsköpfige Band Spearhead zu sehr unter Dampf. Getragen von einer massiven Rhythmusabteilung und zwei Gitarren platzte Franti in Songs seines großartigen Albums Everyone Deserves Music. Neben den charakteristisch reduzierten Funk-Licks, geografischen Unschärfen - "How are you feeling Vienna?" - dominierte neben Franti vor allem der zweite Mann am Mikrofon die Show: Radio Active - ein Rapper, der neben seiner Aufgabe als zweite Stimme auch den Part der dritten Perkussion, des Scratchers und des Samplers übernahm - mittels Stimme!

Polit-Funk-Tradition

Frantis Themen sind aktuelle politische Geschehnisse - allen voran die Regierung Bush - und die andauernde Benachteiligung der Afroamerikaner. Damit stellt sich der Mann aus San Francisco in die Tradition von Gil Scott-Heron. Einem schwarzen, von der Straße geprägten Pop-Intellektuellen, der mit 13 Jahren seinen ersten Roman (The Vulture) und 1970 sein Debütalbum Smalltalk At 125th And Lennox veröffentlichte.

Scott-Herons pointierte und eloquent formulierte Kritik an den Verhältnissen, setzt sich seit damals in der schwarzen Musik fort: Bei den 80er-Jahre-Hardcore-Veteranen Bad Brains ebenso wie im engagierten HipHop und einer neuen Generation kritischer Musiker wie Saul Williams (Not In My Name!), Ursula Rucker oder eben Michael Franti.

Frantis Auftritt geriet trotzdem zu keiner politischen Kundgebung. Wissend, dass Pop und Kunst die Politik bestenfalls marginal beeinflussen, verzichtete er auf das Pathos des "gerechten Zorns" zugunsten einer euphorischen Partystimmung, die schnell auch das Publikum erfasste.

Neben viel belachten synchron getanzten sterbenden Schwänen zu operettenhaft übertriebenem Gesang, gab die sensationelle Band menschenfreundlichen Ragga (Pray For Grace) und Franti wünschte sich selbst für seine ärgsten Feinde Musik: Everyone Deserves Music. Rapper Radio Active arbeitete sich derweil an Michael Jacksons Billie Jean-Rhythmus ab und vom programmatischen Song Rock The Nation zu einer kurzen Würdigung von Nirvanas Smells Like Teen Spirit war es auch nicht weit.

Nach einer guten Stunde nahm der barfüßige Hüne noch ein Bad in der schweißnassen Menge, kündigte für November weitere Österreichgastspiele an und überließ das Festival wieder seinen Karibik-Fantasien. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2003)