In Deutschland kennt man Karl Kraus kaum. Selbst bei Leuten vom Fach, wie Marcel Reich Ranicki, fällt auf, ihre Bekanntschaft mit ihm ist äußerst flüchtig. Man weiß allenfalls seine scharfen, weithin treffenden Zitate und Aphorismen zu schätzen und zu verwerten. Anders ist das in Österreich, wo jeder Gebildete mindestens ein paar Szenen aus den Letzten Tagen der Menschheit gehört oder gelesen hat. Man bezeigt dort überall hohen Respekt vor seiner Leistung, doch mehren sich auch die Stimmen, die seines moralischen Rigorismus überdrüssig geworden sind. Die Welt sei heute doch so schlecht und sumpfig geworden, dass ethische Maßstäbe, wie Karl Kraus sie erhoben habe, inzwischen eher obsolet und sinnlos wirkten. Als bestände Kraus' ewige Physiognomie ganz aus Erz und Ernst, als hätte er uns nicht auch heiterste Gedankenblitze hinterlassen, wie z.B. diese Beobachtung: "Das Weib lässt sich keinen Beschützer gefallen, der nicht zugleich eine Gefahr ist."

Nein, der Wiener Thersites, wie er sich selbst einmal nannte, hatte keine besondere Moralphilosophie. Ihn leiteten keineswegs politische oder moralische Vorsätze. Sein "Vorurteil" war anderer Natur und ging ex negativo aus den falschen Zungenschlägen, für die er ein extrem feines Ohr hatte, und aus der vernutzten und verhunzten Sprache hervor. Daher sein Diktum: "Ich beherrsche nur die Sprache der andern. Die meinige macht mit mir, was sie will."

Sein Vertrauen in die deutsche Sprache war gepaart mit Skepsis gegenüber ihren Sprechern. Ähnlich wie Sigmund Freud die berühmten "Versprecher" niemals als unwesentliche Zufälle durchgehen ließ, verfuhr Kraus mit dem Geschriebenen. Ein falsch angeschlossener Satz, eine dem kollektiven Unbewussten entschlüpfte Phrase, wie z.B. die vom "heilinger Verteilungskrieg", alarmierte sofort seine hellste Aufmerksamkeit. Unterm Joch der Phrase zerrte das, was wahr daran, entschlüpfte eine invertierte Restwahrheit ins Freie. Dies galt es kenntlich zu machen durch Übertreibung. Aus dem Dokument des lapsus linguae erwuchs ihm im Handumdrehen eine komische Figur. Leitartikel, die süffige Phrasen in Umlauf brachten, bekämpfte er wie die schlimmste Seuchengefahr. Das war sein vorzeitlicher Ernst der Satire.

Nun ist's es nicht so, dass sein neuer Biograf Friedrich Rothe von all dem nichts wüsste. Aber er nimmt diese zentrale Kraussche Sprachperspektive leider nicht zum Ausgangspunkt seiner Studien. Er gliedert sein Buch nach Themen und Motiven, die für Kraus' Leben und Werk wichtig erscheinen. Er beginnt mit den letzten Jahren und Texten und räumt verdienstvoll mit dem weit verbreiteten Vorurteil auf, Karl Kraus sei doch derjenige, dem zu Hitler "nichts eingefallen" sei. Es geht zunächst um die Die dritte Walpurgisnacht, um Kraus' erschütternde Vision im Angesicht des aufkommenden Nationalsozialismus. Rothe referiert Kraus' verzweifelte Philippika gegen das eklatante Versagen der österreichischen Sozialdemokratie, er schildert Kraus' selbst die besten seiner Freunde verstörendes Eintreten für den austrofachistischen Kanzler Dollfuß, der das kleinere Übel sei, auf das jetzt, im Kampf gegen die "Naturkatastrophe" Hitler, zu setzen sei. Er kommt auch auf seine Polemik gegen die Pariser Exilschriftsteller zu sprechen - ein besonders nachhaltiges, noch immer unaufgeklärtes Kapitel, dessen Aktualität bis in die Gegenwart, bis in die ideologischen Fronten des Kalten Krieges hineinwirkte. Aber genau diese Aktualität blendet Rothe plötzlich aus, statt sie aufzunehmen.

Der Berliner Germanist stattet das Gerücht: Kraus, dem Fortschritt nichts Gutes bedeutet hat, habe Wien zu rückschrittlich befunden gegenüber Berlin, mit einigen Fußnoten aus. Die sollen uns glauben machen, Berlin sei dem Wiener "Nörgler" moderner, besser erschienen eine Zeit lang, als er sich noch in Brechts Kreisen äußerst wohl gefühlt habe. Doch er bringt es dann doch nicht über seinen historischen Verstand, die ehemalige Preußenmetropole, trotz ihrer heutigen Standortnöte, zu schildern wie ein strammdeutsches Paris. Und bevor er Kraus die physiognomischen Züge eines Berliner Linken aufschminkt, verläuft die Berlinhymne, die er ausgerechnet Karl Kraus aufbinden wollte, klanglos wieder im Brandenburger Sand.

Der Porträtmaler kann sich nicht ganz freischwimmen zur Biografie als reine Fiktion. Er spürt die Autorität im Nacken, die ihm das verbietet und das Gefälle zwischen ihm, dem fleißigen, posthum selbst ernannten Eckermann und seinem in Überlebensgröße ungerührt verharrenden Modell, im Jenseits unserer Geschäfte. Er sucht deshalb immer wieder Zuflucht bei der feuilletonistischen Schreibart, munkelt, mutmaßt und goutiert mehr als er urteilt. Da er sich für keine strenge, chronologische Ordnung entschieden hat, sondern seinen Erzählfaden entlang den bekannten Stationen und Namen abspult: Wedekind, Strindberg, Adolf Loos, Kokoschka, Herwarth Walden, Maximilian Harden, Hugo v. Hofmannsthal und so weiter - die ganze illustre Reihe von Freund und Feind entlang -, werden kaum Entwicklungslinien sichtbar. Kraus scheint von Anbeginn bis zum Ende eine homogene unhistorische Person zu sein. Er scheint alterslos wie ein mythischer Held, und sein Biograf übersieht, dass der junge Kraus seine Sprachphilosophie noch keineswegs genau entfalten kann. Dass Kraus seinen vollständigen Satire- und Literaturbegriff erst mit der Tragödie der Letzten Tagen der Menschheit gefunden hat, die in der neuen Biografie viel zu kurz kommt.

Im Mittelteil des Buches beschäftigt sich der Verfasser eingehender mit der Fackel-Arbeit Kraus', zentriert um die berühmten Themen und Skandale mit Polizeipräsident Schober und die unter dem Motto "Sittlichkeit und Kriminalität" aufgedeckten Sexaffären der Wiener Justiz. Letztere weisen eine erstaunliche Übereinstimmung mit Freuds Entdeckungen auf. Auch dazu kein Wort in Rothes Buch.

Das letzte Kapitel ist gewiss das interessanteste. Dort zeigt der Autor auf, welch mächtigen Einfluss Kraus als Dichter, Kritiker und apokalyptischer Geist auf Ludwig Wittgenstein nahm, welche bedeutende Rolle sein Fackel-Werk für Arnold Schönberg und seine Schüler und auch für die Frankfurter Schule spielte. Am Frankfurter Institut stand der Name Kraus gleichbedeutend neben Hegel, Marx, Kierkegaard und Freud. Auch Adorno und Horkheimer waren in ihrer Jugend schon fleißige Leser der Fackel. Dieses letzte Kapitel der Biografie ist das beste, doch leider ist es nicht vollständig. Denn nicht nur die großen Philosophen und Musiker des 20. Jahrhunderts, sondern auch Poesie und Literatur zeigen überall, auch an verstecktesten Stellen, die Erschütterung und Einsicht, die Kraus für viele Dichter und Schriftsteller bewirkte und bis heute bedeutet. Im Positiven wie im Negativen. Franz Blei und Musil ärgerten sich sehr produktiv über seine Advokatenrolle vor dem Weltgericht. Andere, wie Hermann Broch oder Joseph Roth bis hin zur Wiener Gruppe und zu Michael Guttenbrunner, Elfriede Jelinek, Eckhart Henscheid und vielen anderen, sind ohne den Einfluss Kraus' gar nicht zu denken.

Es ist merkwürdig, dass der Germanist Rothe die unablässige, literaturgeschichtlich äußerst bedeutsame Wirkung Kraus' unterschätzt und viel zu wenig beachtet hat.

Dennoch, trotz all der Versäumnisse und Halbheiten: Diese Biografie ist notwendig und wird einer bereits im Gange befindlichen Kraus-Renaissance nützen. Da der Autor die ungeklärten Fälle und Anlässe genannt und ins Gedächtnis zurückgebracht hat, werden eben andere die Aufgabe übernehmen, die alten Lügen und Gerüchte aufzuhellen. Friedrich Rothe wollte die heißen Eisen nicht anfassen. Sein Porträt des Karl Kraus aber ist unvollständig und hat zu viele Unschärfen, als dass man es als geglückt bezeichnen könnte. []

Friedrich Rothe, Karl Kraus. Die Biographie.
€ 25,60/416 Seiten. Piper Verlag, München 2003.