Rom - Die Staatsanwaltschaft in Rom will den libyschen Revolutionsführer Muammar Gaddafi wegen des mysteriösen Absturzes einer italienischen Verkehrsmaschine nahe der Sizilien vorgelagerten Insel Ustica im Jahr 1980 vernehmen. Damals kamen 81 Menschen ums Leben. Am Sonntag hatte Gaddafi in Tripolis in einer Rede anlässlich des 34. Jahrestages seines Amtsantritts behauptet, die Maschine der italienischen Fluglinie Itavia sei von US-Flugzeugen abgeschossen worden, weil die Amerikaner geglaubt hätten, dass er sich an Bord befände.

Die römische Staatsanwaltschaft, die in dem Fall ermittelt, will eine Aufzeichnung der Rede Gaddafis beschaffen, um den Inhalt genau zu überprüfen. "Es ist unmöglich zu glauben, Gaddafi würde inkognito auf einem italienischen Linienflug reisen. Man muss untersuchen, was er mit seinen Aussagen wirklich gemeint hat", betonte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Die oppositionellen Linksdemokraten forderten die Regierung Berlusconi auf, alle diplomatischen Hebel in Bewegung zu setzen, um Gaddafi zur Zusammenarbeit mit der italienischen Justiz zu bewegen. "Nach 23 Jahren muss der Fall geklärt werden", betonte die Partei in einer Pressemitteilung. Berlusconi unterhält freundschaftliche Beziehungen zu Libyen, das er vor wenigen Monaten besucht hatte.

Gaddafi hatte die USA beschuldigt, ihn seit seinem Amtsantritt als Feind betrachtet zu haben, "weil wir ihre Militärstützpunkte geschlossen haben, was für Washington den Verlust einer strategischen Position im Mittelmeer bedeutet hat". Seitdem sei Tripolis stets von den USA beschuldigt worden, den Terrorismus zu fördern. "Dabei sind wir gegen den Terrorismus", hatte Gaddafi betont.

Ustica zählt zu den großen Rätseln der jüngsten italienischen Geschichte. Ermittler schlossen bereits früher nicht aus, dass die Passagiermaschine versehentlich von einem amerikanischen Kampfflugzeug abgeschossen wurde. Unter anderem wurde vermutet, dass die Rakete, die die Maschine der Fluglinie Itavia traf, einem libyschen Kampfjet gegolten haben könnte.

In der italienischen Öffentlichkeit verstärkte sich nach jahrelangen und fruchtlosen Bemühungen, die Ursache des Absturzes der DC-9-Maschine zu klären, der Eindruck, dass die wahren Hintergründe geheim gehalten werden sollten. Auch einige mysteriöse Todesfälle heizten die Spekulationen um Ustica an. (APA)