Wien - Einen Vorteil haben die Simmeringer Gemüsegärtner gegenüber den Marchfelder und Eferdinger Gemüsebauern: Sie sitzen im Glashaus. Während den nieder- und oberösterreichischen Feldbauern das Gemüse an den Stauden zum Teil verdorrt ist, hat der Wassermangel den Gärtnern kaum Sorgen bereitet. "Das Wasser war kein Problem, die Hitze schon", erklärt Kurt Weber. Denn: Die Hitze hat die Früchte des Simmeringer Gärtners klein bleiben lassen. Und bei nicht schön groß und riesig gewachsenen Paprikas, Gurken und Paradeisern müssen Weber und Kollegen mit weniger Ertrag rechnen: Die Handelsketten geben genau vor, wie eine Frucht in Farbe, Form und Größe zu sein hat.

LGV-Geschäftsführer (das Kürzel der Wiener Gärtner steht für "leicht, gesund und vital") Karl Nehammer erklärt das preisliche Wagnis Gemüseanbau: "Pro Hektar Anbaufläche müssen 45.000 Euro Vorlaufkosten gerechnet werden." Dafür wird gesetzt, geheizt, gegossen, gedüngt, oder es werden nützliche Insekten ausgesetzt, um Schädlinge zu bekämpfen. Meist im Familienbetrieb und in Handarbeit. "Man weiß nie, was man nach der Ernte bekommt": Wie sich der Preis entwickle, stehe am Beginn der Saison nicht fest.

Der Vorteil der Simmeringer: Ihre Produkte haben von Beginn an ein Dach über Blatt und Stängel. Bei einem Euro pro Kilo Paprika bleiben dem Produzenten rund 50 Cent. Derzeit ist Erntezeit für Paprika, Salate, Paradeiser, Rispentomaten (exakt sieben Stück am Strang verlangt eine Handelskette), Zucchini und Radieschen: Wer jetzt Gemüse kauft, hat gute Chancen auf Simmeringer Ware.

"Gemüse und Obst sind wichtige lebenserhaltende Produkte, aber niemand ist bereit, dafür zu zahlen", weiß Kurt Weber. Dabei ist der Pro-Kopf-Verbrauch der Österreicher in den letzten Jahren gestiegen. Derzeit liegt man bei 103 Kilo pro Person und Jahr.

Die Nähe zu Autobahn und EBS, verteidigt der Simmeringer sich und seine Kollegen, mindere die Qualität heimischer Früchte nicht: Weber verweist, so wie auch Nehammer oder die VP-Abgeordnete Gaby Tamandl - die Tochter einer Gärtnerfamilie -, aufs Glashaus. Das schützt Gurken und Paprika, zudem wehe meist ein kräftiger Nordwestwind - und man vertraut auf die Filter der Industrie.

Tamandl fordert allerdings eine Garantie der Stadt: Durch die geplante dritte Müllverbrennungsanlage dürfe keine Schadstoffbelastung entstehen. Denn das Simmeringer Gemüseanbaugebiet - das schon jetzt unter Betriebsauflösungen leide - müsse erhalten bleiben. Sonst sei die Erntezeit bald vorbei. (Andrea Waldbrunner, DER STANDARD Printausgabe 4.9.2003)