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Die Leistungsschau für Cyberarts, der "Prix Ars Electronica" mit der begehrten "Goldenen Nica" hat heuer einen Rekord zu verbuchen; 2714 Einreichungen aus 85 Ländern ist das Ergebnis, welches die Teilnehmeranzahl des seit 1987 vom ORF veranstalteten Wettbewerbs in den letzten Jahren bei weitem übertrifft. Sechs Goldene Nicas und 18 Geldpreise in der Höhe von 109.900 Euro werden vergeben.

"Vor allem die Teilnahme aus Japan im interaktiven Bereich hat stark zugenommen", so Christine Schöpf, neben Gerfried Stocker Direktorin der Ars Electronica, "das hat damit zu tun, glaube ich, dass wir Japan sehr pflegen. In Japan gibt es sehr gute Ausbildungseinrichtungen, denn schon in den 70er-Jahren hat man dort begonnen den Bereich Kunst und Wissenschaft zu fördern. Nennenswert ist hier vor allem die Iamas-Schule (International Academy of Media Arts and Sciences) rund um Itsuo Sakane, der sich als einer der Vorreiter im Bereich der digitalen Kunst um diese Art Kunstschule sehr verdient gemacht hat."

So geht heuer eine Auszeichnung des "Prix" in der Kategorie "Computer Animation/Visual Effects" an den Japaner Koji Yamamura mit seinem Projekt Atama Yama (Mt. Head), welches auch heuer als erster japanischer Film für den Academy Award nominiert wurde. Der animierte Kurzfilm ist absurd und voll schwarzem Humor. Er erzählt die Geschichte eines Mannes, der einen Teller voller Kirschen samt den Kernen isst und aus dessen Kopf dann plötzlich ein Kirschbaum sprießt. Koji Yamamura, der, geboren 1964, seinen ersten animierten Film im Alter von 13 Jahren verwirklichte, vermischt dabei die Gedankenwelt der Erwachsenen mit den Gefühlen und Wahrnehmungen eines Kindes auf witzige und einfallsreiche Art und Weise.

"Der künstlerische Bereich konzentriert sich heuer auf die Musik", so Schöpf, "auch hier hat Japan viel zu bieten, und was uns vor allem auch sehr freut: Unter den Gewinnern sind verhältnismäßig viele Frauen." So geht die Goldene Nica in der Kategorie "Digital Musics" an Ami Yoshida, Sachiko M. und Utah Kawasaki. Die drei Japanerinnen werden für ihre mutigen Performances und ihre Doppelalben Astro Twins und Cosmos ausgezeichnet.

Aber auch Österreich hat heuer einige Erfolge zu verbuchen. "Hat Österreich viele Jahre überhaupt keinen Geldpreis bekommen, so sind es heuer gleich drei", so Schöpf. Und darunter zwei Frauen; Lia/Ulrike Schitter in der Kategorie "Net excellence" mit ihrem Projekt "re-move.org" (siehe unten) und Margarete Jahrmann, die gemeinsam mit Max Moswitzer das Projekt "nybble-engine-toolZ", das in der Kategorie "Interactive Art" ausgezeichnet wurde, erarbeitet hat.

Die beiden Cyberkünstler Jahrmann und Moswitzer beschäftigen sich mit Game-Engine-Modifikationen. "Spiele haben normal ein eigenes Netzwerkprotokoll", so Margarete Jahrmann, "Einen Server mithilfe von einem Game einzurichten ist vor allem auch technisch sehr interessant."

Das Resultat ist ein Multiuser-Spiel, das E-Mails empfangen und versenden kann. Gleichzeitig verwandelt die Peer-to-Peer-Software der Installation die Netzwerkprozesse in dreidimensionale abstrakte Filme, die so genannten "nybble-engine-movies (NEMs)", die strukturell interaktive Echtzeit-Netzwerkfilme sind, und projiziert sie auf eine halbkreisförmige 180-Grad-Leinwand. Die Teilnehmer sitzen wie im Wohnzimmer auf einem "Surfer-Sofa" im Mittelpunkt der Installation und verwenden Gamepads, um in eine Schieß-Umgebung einzutreten, in der Geschoße aus Datenobjekten, Action-Bots (virtuelle Spielfiguren) und andere Spieler herumschwirren. "Als nächster Schritt wird ein ,freeze frame' extrahiert, das via 3-D-Printer generiert wird: das ,data objectile'", so Jahrmann.

Das reale Objekt aus Kunststoff kann der Besucher betrachten oder als Sitzgelegenheit benutzen. "Das Spannende dabei ist, dass man nie voraussagen kann, was passiert. Dadurch, dass nicht lineare Softwareteile enthalten sind, sind die Filme immer anders. Das Faszinierende am Projekt ist auch der ständige Medienwechsel. Das Projekt ist nicht nur interaktiv, sondern auch interpassiv. Es ist nicht nur Theorie, sondern real erfahrbar. Die Code-Daten werden auf verschiedenen Ebenen sichtbar gemacht", so Margarete Jahrmann. Bei jedem Auftreffen auf ein Objekt löst der Mitspieler Netzwerkprozesse aus, bei jedem Schuss verschickt er ein Anti-Kriegs-Mail. "Auslöser für unser Projekt war das aktuelle politische Geschehen, der 11. September. Es war uns ein Anliegen in der Sprache, die wir haben und verwenden, das zu sagen und zu vermitteln, was wir denken", so Jahrmann.

Der Code als Baustein für eine Sprache, die Geschichten erzählen kann - das scheint der Konsens der heurigen Prix-Gewinner zu sein. Es werden wieder vermehrt lineare Erzählstrukturen aufgebaut. In "Tim Tom", dem Projekt von Romain Segaud und Christel Pougeoise aus Frankreich, erwachen zwei Spiralblocks zum Leben, zwei fidele kleine Kerle, die nichts lieber auf der Welt wollen, als sich kennen zu lernen. Die abenteuerliche Geschichte hat den beiden Absolventen der französischen Eliteschmiede Supinfocom in der Kategorie "Computer Animation/Visual Effects" die diesjährige Goldene Nica eingebracht.

Um Bekanntschaften geht es auch im "Habbo Hotel", dem Projekt der Goldene-Nica-Gewinner in der Kategorie "Net Excellence", Sulake Labs Oy aus Finnland. Die 2001 gestartete Site umfasst bereits drei Millionen Mitglieder, von denen jedes eine individuelle animierte Figur schaffen kann, den "Habbo", der gehen, tanzen, essen, trinken und Konversation an den unterschiedlichsten Orten im Hotel treiben kann.

Interaktiv werden

Aktiv werden kann man auch bei dem englischen Projekt "Can you see me now" der Künstlergruppe Blast Theory. Die Goldene-Nica-Gewinner in der Kategorie "Interactive Art" gestalten eine virtuelle Jagd durch die reale Stadt. Die PC-Spieler sollen mittels tragbarer elektronischer Geräte wie Mobiltelefon, GPS, Wireless LAN oder Digitalkamera aufgestöbert werden. Gesucht wird auch nach Elfen im Linzer Untergrund. Das Projekt "Earth core laboratory and elf scan" von Agnes Meyer-Brandis war der "Prix Ars Electronica"-Jury eine Anerkennung wert. Der diesjährige Goldene-Nica-Gewinner in der Jugendkategorie "u19 - freestyle computing", Georg Sochurek aus St. Pölten, erzählt mit seiner Arbeit "Rubberduck" die Geschichte vom Leidensweg einer kleinen Gummiente in Form einer modernen Fabel. Der 18-Jährige streift mit seiner Animation Themen wie Anderssein, Bosheit, Leiden.

Auch in der Jugendkategorie der unter 19-Jährigen hat es heuer sehr viele Einreichungen gegeben. Der Jugendwettbewerb ist seit seinem Entstehen 1997 nur auf Österreich beschränkt, er soll jedoch auf internationale Ebene erweitert werden. Die Preisträger werden immer jünger, der Umgang mit den neuesten Technologien immer selbstverständlicher.

Kritik an der Gesellschaft, an der Allgegenwärtigkeit der Medien spiegelt sich in den Arbeiten der "Prix Ars Electronica"-Teilnehmer wider. Es wird wieder "erzählt", nur sieht es etwas anders aus, das Märchenbuch der Zukunft.

(DER STANDARD; Printausgabe, 4.09.2003)