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Standard: Was sind Ihre Konsequenzen aus dem Pflegeskandal in Lainz? Pittermann: Ich möchte einen Ombudsstelle schaffen: für Patienten, Angehörige und Personal. Vielleicht beim Gesundheitsamt, das soll nicht bei mir angesiedelt sein, damit niemand Sorge hat, eine Beschwerde könnte jemandem schaden. Dazu sollte es eine Koordinationsgruppe geben, die Untersuchungen einleitet, wenn etwas nicht stimmt.

STANDARD: Was läuft falsch, wenn jahrelang in einer Station mangelnde Pflege widerspruchslos vollzogen wird?
Pittermann: Da liegt vieles falsch. Ich frage mich, wieso das von Außen aufgedeckt werden musste, warum Primar, Oberärzte, Oberschwestern nichts bemerkt haben.

STANDARD: Das ist ja das Problem, dass sich der Krankenanstaltenverbund (KAV) selbst kontrolliert hat.
Pittermann: Ich habe nicht geahnt, dass die Magistratsabteilung 47 nicht prüft. Ich bin da erst drauf gekommen, weil ich auch private Institutionen überprüfen ließ. Pflegeeinrichtungen müssen einmal pro Jahr überprüft werden und auf Beschwerden sofort. Nach speziellen Auflagen muss dann nochmals kontrolliert werden.
STANDARD: Wann wurden Sie über Lainz informiert?
Pittermann: Am 8. 8. Das kam nicht als normaler Akt, meine Pressesprecherin kam mit dem Prüfbericht. Mich hat der Schlag getroffen, ich habe sofort Maßnahmen angeordnet. Ich nehme an, das ist schon vorher im KAV gelegen und wieder hat keiner gehandelt.

STANDARD: Und warum hat dort keiner adäquat reagiert?
Pittermann: Genau das muss geklärt werden. Da hackt man hinein und dann heißt es, es ist eh alles bestens. Ich weiß, dass man vor mir zum Teil potemkinsche Dörfer errichtet.

STANDARD: Spitalsdirektor Ludwig Kaspar sieht die "Hauptschuld vor Ort", delegiert die Verantwortung nach unten.
Pittermann: Er hat für mich die Hauptverantwortung, er ist Hauptansprechpartner von mir und ist immer wieder wegen Mängel befragt worden.

STANDARD: Hat das für Kaspar Konsequenzen?
Pittermann: Auch das wird jetzt überprüft auf Beamtenebene und mit Hilfe des Kontrollamtes. Sie wissen ja, sein Vertrag läuft gegen Ende des Jahres aus und wird neu ausgeschrieben.

STANDARD: Reicht es, wenn man Mitarbeiter nur versetzt und der Pflegedirektor einen neuen Posten bekommt?
Pittermann: Der hat keinen neuen Posten bekommen, der wurde versetzt und ist schon vorher weggegangen, weil ihm offensichtlich diese Struktur zu schwierig war. Es muss disziplinäre Maßnahmen geben, es darf nicht am kleinsten Rädchen, der Stationsschwester, hängen bleiben.

STANDARD: Hat die Sanierung von Lainz jetzt Priorität?
Pittermann: Sie erinnern sich, ich hab von Anfang an gesagt, das Geld ist mir ein bisserl zu wenig. Wir werden jetzt extra Budget brauchen.

STANDARD: Wäre es nicht billiger statt der Sanierung eine neue Struktur zu schaffen?
Pittermann: Das kann sein. Nicht eine komplett neue Struktur, aber sie aufweichen. Ich würde dort etwa Teile des Otto-Wagner-Spitals hineingeben. Es könnte die Geriatrie in Lainz verkleinert, die Psychiatrie ausgebaut werden.

STANDARD: Über 100 Sechs- bis Achtbettzimmer in Lainz: Ist das das soziale Wien?
Pittermann: Nein. Sie wissen, ich leite das Ressort seit 2001. Ich bin Ärztin und leide wie ein Hund. Ich will kleine Einheiten mit Nasszellen.

STANDARD: Auch Ihre Vorgänger haben nicht reagiert?
Pittermann: Na ja, glauben Sie, dass erst 2001 die Achtbettzimmer eingerichtet wurden? Es ist aber immer billig zu sagen, der andere war's. Aber ich kann nicht in zweieinhalb Jahren alles ändern.

STANDARD: Der nächste Brocken: Mit 2004 wandern Teile des Sozialressorts zu Ihnen, Sie wachen dann über den Fonds Soziales Wien - es heißt im Budget fehlen 30 Millionen, kolportiert werden 100.
Pittermann: Ein schwieriger Brocken, aber ich nehme an, dass das jetzt noch gelöst wird.

STANDARD: Der Gesundheitsaufwand wird höher, das Budget wird nicht reichen, im KAV wurden bereits Rücklagen aufgelöst. Wie ist das finanziell zu schaffen?
Pittermann: Es gibt Einsparungspotenzial. Nur nach mehr Geld zu schreien ist zu wenig. Der Stabilitätspakt muss in dem Zusammenhang in Frage gestellt werden.

STANDARD: Man hat den Eindruck, sie bekommen wenig Halt: von den Mitarbeitern, von der Partei, vom KAV. Allein zuhause im Gesundheitsressort?
Pittermann: Ich bekomme von meiner Partei schon Halt. Das Verhältnis zu meinen Beamten ist ja bekannt.

STANDARD: Im ORF sagten Sie, Sie erfüllen die Position an die man Sie setzt. Klingt nicht nach visionärer Politikerin mit Freude am Werk.
Pittermann: Ich habe Freude am Werk, sonst täte ich das nicht mehr machen. Aber ich habe das Amt nicht angestrebt, habe gewusst, dass es Schwierigkeiten geben wird und meinen Arztberuf nicht leicht aufgegeben.

STANDARD: Wann kehren Sie in den Arztberuf zurück?
Pittermann: Wenn man mich jetzt als Belastung betrachtet - damit habe ich kein Problem.

Das Interview führten Roman Freihsl und Andrea Waldbrunner (DER STANDARD Printausgabe 11.9.2003)