Die Amerikaner sind wirklich vom Mars, die Europäer wirklich von der Venus: Nach einer repräsentativen Umfrage des unabhängigen Pew Research Center for the People and the Press vom Juni würden 73 Prozent der Amerikaner den Einsatz von militärischer Gewalt gegen den Iran oder Nordkorea unterstützen, um sie an der Produktion von Massenvernichtungswaffen, vor allem nuklearen, zu hindern - aber nur 44 Prozent der Europäer würden eine gewaltsame Entwaffnung des Iran und/oder Nordkorea gutheißen. Allerdings: Die Umfrage wurde im Juni veröffentlicht - zu diesem Zeitpunkt war das Fiasko der USA im Nachkriegsirak noch nicht so deutlich. Gut möglich, dass die Antworten heute auch in den USA etwas vorsichtiger ausfielen.

Trotzdem kann kein Zweifel bestehen, dass der Irakkrieg den transatlantischen Graben zwischen den USA und Europa beträchtlich erweiterte. Vorher latente Unterschiede in den Einstellungen zur Politik und zur bevorzugten Lebensart allgemein wurden dramatisch manifest. Eine andere große Meinungsumfrage in sieben europäischen Ländern und den USA, vorgelegt erst vor knapp einer Woche vom German Marshall Fund und der italienischen Stiftung Compagnia di San Paolo, zeigt eine starke Verschlechterung in der Meinung der Europäer über die weltweite Führungsrolle der USA: Lediglich 44 Prozent der EU-Bürger befürworten eine "globale Führungsmacht USA". Im Vorjahr war die Zustimmung noch bei 65 Prozent gelegen. Besonders stark war die Ablehnung einer US-Führungsrolle in Deutschland (50 Prozent), Frankreich (70 Prozent) und Italien (50 Prozent), wobei die Deutschen mehrheitlich meinten, ihre nationalen Interessen seien nun besser bei der EU als bei den USA aufgehoben (www.transatlantictrends.org).

Schuld daran sind offenkundig der Irakkrieg und seine Folgen, denn im Jahre 2002, ein Jahr nach dem 11. September, war das Verhältnis der europäischen Bevölkerung zu den USA zwar auch schon relativ kritisch, aber immerhin noch mehrheitlich positiv. Es scheint also das eingetreten zu sein, was der französische Philosoph (und Befürworter des Krieges gegen Saddam Hussein) André Glucksman eine Situation "Westen gegen Westen" nennt.

Wirklich dramatisch ist allerdings der Anstieg des Antiamerikanismus in den muslimischen Ländern, den wiederum das Washingtoner Pew Research Center (http://people-press.org) untersucht hat, und zwar unter 15.000 Befragten in 20 muslimischen Ländern und der Palästinensischen Behörde. Der extremste Umschlag ereignete sich in der Türkei, einem traditionellen USA-Verbündeten, wo nunmehr (Veröffentlichung im Juni) 83 Prozent eine negative Meinung von den Amerikanern haben (im Vorjahr 55 Prozent). In Indonesien, Schauplatz fundamentalistischer Anschläge in Bali und anderswo, hatten im Jahr 2000 noch 75 Prozent eine gute Meinung von den USA, heute 83 Prozent eine negative. Ähnliche Schwenks gab es in Jordanien und bei den Palästinensern.

Erschreckend in jeder Hinsicht das Ausmaß der Irrationalität, die mit diesem Amerika-Bild einhergeht: In fünf muslimischen Ländern - Indonesien, Jordanien, Marokko (!), Pakistan und den Palästinensergebieten - gilt Osama Bin Laden als eine der drei Führungspersönlichkeiten, denen die Bevölkerung am meisten vertraut. Dazu passen andere Umfragen, wonach eine arabische Mehrheit die diversen Verschwörungstheorien zum 11. September (es war der Mossad, die CIA) glaubt. Allerdings glaubt auch knapp die Hälfte der Amerikaner, Saddam Hussein hätte etwas mit 9/11 zu tun gehabt.

Übrigens, wie denken die Österreicher über die USA? Die "transatlantic trends"-Studie wurde hierzulande nicht abgefragt, aber es gibt eine Imas-Untersuchung aus dem Februar 2003. Kein gutes Ergebnis für die Leute, die uns vom Nationalsozialismus befreit, Marshallplan-Milliarden geschenkt und die Popkultur gebracht haben: Volle 53 Prozent lehnen die USA als Leitbild ab, 45 Prozent fanden George W. Bush schon im Februar zum Abgewöhnen.

Vermutlich ist die Bush-Truppe und ihre mit Inkompetenz gepaarte Arroganz hauptverantwortlich für den Verfall des Vertrauens in die USA als Leitbild und Führungsmacht. Aber wer sich in den diversen Internetforen umsieht, muss besonders unter den jüngeren gebildeten Schichten Europas, also den künftigen Eliten, einen weit verbreiteten Antiamerikanismus feststellen.

Aber es wurden in der "transatlantic trends"-Studie ja auch die Amerikaner befragt, und die wären durchaus bereit, die EU als zweite Supermacht anzuerkennen - aber nur, wenn sie die militärischen Lasten mitträgt. Da sind allerdings die Europäer in einem typischen Zwiespalt. 71 Prozent wünschen sich zwar eine "Supermacht EU", aber nur ein Drittel ist bereit, dafür auch höhere Militärausgaben in Kauf zu nehmen. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 11.9.2003)