Foto: Buchcover
Es ist Sommer in Griechenland. Eine Frau und ein Mann sitzen auf einem Balkon. Sie teilt dem Mann mit, dass sie ihn verlassen werde. Er erwürgt sie. Die Leiche wirft er in eine Schlucht an der Meeresbucht und meldet die Frau als vermisst. Der Mann kommt ungeschoren davon. Das ermutigt ihn, weiter alle Frauen aus dem Weg zu räumen, die ihm nicht gehorchen. Fünf Morde, ein Täter, keine Spuren.

Dieser Krimi ist der neunte mit Nessers beliebtem Serien-Ermittler Van Veeteren. Der grüblerische Kommissar hat sich allerdings zurückgezogen aus seinem brutalen Job, der einen an der Welt verzweifeln lässt. Er werkt in aller Stille und Beschaulichkeit als Buchhändler, wird aber wider Willen in die besonders komplizierten Ermittlungen hineingezogen. Aber diesmal wird es nicht Van Veeteren mit seiner Intuition und seine unorthodoxen Methoden sein, der den Mörder zur Strecke bringt, sondern ein Opfer, das überlebt hat . . .

Nesser schildert sehr anschaulich, was in einem Mörder vorgeht und warum seine Opfer keinen Verdacht schöpften. Die soziale Angepasstheit, die es einem Psychopathen ermöglicht, unerkannt und unverdächtig zu bleiben. Die enormen Aggressionen, die sich hinter einer harmlosen Maske verbergen. Der wachsende Hochmut, weil man ihm nicht hinter die Schliche kommt. Die Leere, der Hunger, die immer nur mit einer neuen Machtdemonstration für kurze Zeit gestillt werden können.

Nesser geißelt aber auch, wie gewohnt, die allgemeine Gleichgültigkeit in der Gesellschaft. In Schweden, wo alles durchorganisiert scheint, ist es dennoch möglich, dass eine Mutter und ihre Tochter die gerade so am Rande der Sozialhilfe vegetieren, verschwinden, ohne dass das irgendjemandem auffällt. Dass Leichen in Wohnungen liegen, ohne dass Nachbarn Alarm schlagen. Dass Mädchen, die von Sozialarbeitern betreut werden müssten, aufgrund von Arbeitsüberlastung einfach vergessen werden. Oder dass alkoholkranke Mütter sich selbst überlassen bleiben. Menschliche Zuwendung als Mangelware: Insofern ist der schwedische Bestsellerautor nicht nur ein spannender Schriftsteller, sondern auch ein moralischer, wenngleich der Hang zum Moralisieren manchmal mit ihm durchgeht. (DER STANDARD, Printausgabe vom 13./14.9.2003)