Foto: Ora-Ito
Foto: Ora-Ito
Der Standard: Wie lebt es sich als Design-Shooting-Star?

Ïto: Ich hoffe, ich bin nicht nur ein Shooting-Star, denn dann würde ich mich ja bald in meine Bestandteile auflösen. Meine Arbeit ist extrem schnell berühmt geworden, aber ich habe auch viel gearbeitet, um ein reales Designstudio zu entwickeln, das mein ganzes Leben lang Bestand hat und vielleicht auch danach noch existiert. Meine ersten Erfolge mit virtuellen Objekten wurden nun von konkreten Projekten abgelöst, die meinen Platz in der Designwelt konkretisiert haben.

Sie sind sehr jung, wie erklären Sie sich den großen Erfolg Ihrer Arbeit?

Ich habe die erste virtuelle Marke kreiert, das war ein vollkommen neuer kreativer Zugang und zudem ein fruchtbares Medienevent. 3D wird seit 15 Jahren von Designstudios genutzt, aber keiner hat daran gedacht, eine echte 3D-Brand mit virtuellen Produkten zu machen. Als ich Ora-Ïto gegründet habe, benutzte ich meine Website, um virtuelle Produkte zu präsentieren, die dank ihrer Bildqualität erstaunlich realistisch erschienen: die "For you"-Kollektion mit Uhren, einem Parfümflakon, einem Ring. Wir haben dann berühmte Brands in die Zukunft projiziert: "Back-up", eine Vuitton-Tasche, von der sogar in Asien Fakes hergestellt wurden, die Visa-Karte mit dem Fingerabdruck, das Big-Atom-Feuerzeug . . . Verführt vom Realismus und dem Produktstyling haben viele Magazine diese Produkte publiziert. Das Lustigste daran ist, dass die Leser nicht wussten, ob diese Objekte real oder nicht real waren. Und viele gingen in die Geschäfte um zu fragen, warum es diese Dinge nicht zu kaufen gibt!

Wie haben Sie es geschafft, so viele Produkte in so kurzer Zeit zu designen?

Mit 3D muss man sich nicht um den Herstellungs- und den Distributionsprozess kümmern, daher geht das wirklich sehr schnell. Ich hatte viele Ideen, wollte mich aber von den Bedingungen des Marktes nicht bremsen lassen. Durch den virtuellen Zugang zum Design konnte ich mich darauf beschränken, meine Ideen zu modellieren und sie ins Internet zu stellen oder zu versuchen, sie in Magazinen publizieren zu lassen. In wenigen Monaten hatten wir einen ganzen Katalog an Produkten, eine ästhetische Identität und internationale Anerkennung. Danach habe ich begonnen, an realen Produkten zu arbeiten, dabei aber versucht, diesen Kreationsrhythmus beizubehalten, und das funktioniert gut. Es ist aber ein bisschen anstrengend, ich arbeite ja nicht nur an Designprojekten, sondern auch an Architektur- und Kommunikationsprojekten. Aber es ist so aufregend, dass ich immer genügend Energie habe, um das zu tun.

Welchen Stellenwert hat Geschwindigkeit im Design?

Ich bin mir nicht sicher, ob zwischen Geschwindigkeit und Design eine Verbindung besteht. Gestaltung ist ein Bereich, in dem man sehr geduldig sein muss. Als junger Designer ist es sehr schwer, eigene Produkte zu kreieren. Das ist ein langer Prozess, und manchmal muss man länger als 15 Jahre warten, bis man einen seiner Entwürfe wirklich umsetzen kann. Man muss auch dann noch geduldig sein, wenn man schon anerkannt ist. So brauchte es etwa von der Kreation bis zur Markteinführung des Adidas-3-Parfüms, dessen Flakon ich designte, drei Jahre an technischer Recherche und Konsumententests. Aber natürlich ist Geschwindigkeit auch eine Komponente meiner Arbeit, ich habe immer mehrere Projekte am Laufen.

Wie kamen Sie zum Design?

Ich komme aus einer Familie, in der alle einen künstlerischen Hintergrund haben, daher war das für mich eine natürliche Entwicklung. Ich begann mit zehn Jahren: Ich habe aus einer Videokassette einen Parfümflakon designt. Und ich hatte immer schon Gespür für das Vokabular von Formen und Materialien.

Wer sind Ihre Vorbilder?

Da gibt es eine Menge, aus der Welt der Kunst und des Designs: Keith Haring, Andy Warhol, Soto, Frank Lloyd Wright, Vasarely, Pierre Paulin, Raymond Loewy.

Sie haben als eine Art "Underground"-Designer begonnen. Wollten Sie die Marketingstrategien globaler Brands kritisieren? Und fühlen Sie sich korrumpiert, weil Sie für diese Marken jetzt zum Teil arbeiten?

Ich hatte nicht die Absicht, globale Brands zu kritisieren. Es war vielmehr ein Tribut an diese Marken. Mein Ziel war es, deren starkes Image zu benutzen, und das hat sehr gut funktioniert! Ich wollte diese Marken ins Jahr 2010 projizieren, und die Leute waren daran sehr interessiert, weil sie ja ein Teil ihres Lebens sind.

Sie haben virtuelle Marken kreiert, waren dabei auch künstlerische oder philosophische Überlegungen ausschlaggebend?

Abgesehen von den technischen Aspekten hatte ich schon auch einen philosophischen Zugang: Was ist schöner als ein Objekt, das nicht existiert? Da gibt es garantiert keine Enttäuschung nach dem Kauf!

Was ist das Hauptproblem, mit dem Designer heute zu kämpfen haben?

Vermutlich, einen Platz auf dem Markt zu finden. Ich habe sehr viel Glück dabei gehabt. Und wundere mich, dass so viele talentierte junge Designer keine gute Arbeit bekommen.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Ich habe derzeit viele verschiedene Projekte laufen: eine wichtige Zusammenarbeit mit französischen Luxuslabels, für die ich eine Kollektion neuer Produkte entwerfe. Ich arbeite auch an einem großen Film, der in der Zukunft spielt, aber das ist noch geheim. Außerdem arbeite ich weiterhin mit Heineken an neuen Konzepten, weiters mit verschiedenen Kosmetikmarken und für einen Autohersteller . . . es wird also sehr bald Neuigkeiten geben!

Welche Herausforderung würde Sie besonders reizen?

Einer meiner Träume ist es, eine Stadt zu bauen, wie Oscar Niemeyer Brasilia. (Der Standard/rondo/Margit Wiener, Michael Hausenblas/19/9/2003)