Foto: Hersteller
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Captain Eduardo Alberto Sillavengo tritt ins Freie. Hinter ihm: ein weißes, sonderbar verzogenes Gebäude. Vor ihm biegt der Wind äthiopische Palmen wie rückgratlose Gummistäbe Richtung Boden, und weiter rechts parkt eine dicke, rote Limousine. Sillavengo ist Spion in Afrika, und hinter seinen stromlinienförmig gezeichneten Geheimratsecken steckt das Wissen des Agenten: Schnelligkeit denkt Sillavengo, Geschwindigkeit und Information, dann wirst du überleben . . . Wenig später ist der Captain tot. Er stirbt den leisen Tod des Comic-Helden, für den sein Zeichner keine Zeit mehr hat.

Der Zeichner heißt Massimo Iosa Ghini, und schon Mitte der 80er-Jahre wurde es für die Cartoon-Figuren des 1959 in Bolog- na Geborenen eng. Denn da hatte Ghini sein Architekturstudium beendet und während des Zeichnens die dritte Dimension entdeckt, was ihn flugs zum aufstrebenden und vielbeschäftigten Design-Star machte. Seine rasant gezeichneten Gebäude, all die quer über Comicsseiten brausenden Flugzeuge und Boliden begannen sich langsam in Möbel zu verwandeln, und für den Sender RAI entstand ein Studio-Design, das der auf hundert PS auffrisierten Moderatorin regelrecht um die Dauerwellen zu fliegen schien. Mit im Raum dieses Interior-Entwurfs: ein Gefühl von Höchstgeschwindigkeit, von Zeitmaschinen ohne Rückwärtsgang.

Massimo Iosa Ghini hatte seinen Stil gefunden, dem er bis heute, wo er längst schon zu den älteren Haudegen der Designszene zählt, treu bleibt. Den ersten Arbeiten, die für das Udineser Label Moroso umgesetzt wurden, folgte eine Reihe von Möbeln, für die man am liebsten Startlöcher in den Wohnzimmerboden graben mochte: Vorwärts geneigte Hocker, die scheinbar gegen starken Mailänder Gegenwind zu kämpfen haben, zählen dazu ebenso wie ovale Küchenmodelle, die es zumindest noch auf Passagierdampfer-Speed bringen. Ohne Fluss geht jedenfalls nichts.

Davon zeugen Ghinis dynamisch geformte Brillengläser für Silhouette. Davon zeugen aber auch Türgriffe, die die Bewegung des Öffnens mitmachen, einem gewissermaßen von selbst in die Hand "fließen". Doch kein Möbelgeschoss bewegt sich auf Dauer ohne Unterlage, weswegen Ghini bereits ganz zu Beginn seiner Karriere für eine Art geistiges Fundament sorgte. Gemeinsam mit vierzehn anderen Architekten begründete er Mitte der achtziger Jahre - und also kurz vor dem Startschuss zu seiner eigenen Laufbahn - die neue Design-Richtung des "Bolidismus". Um die Sache kurz zu machen: Bolidismus ist die frühzeitig formulierte Vision vom mobilen Menschen und einem schnellen Lebensstil. Als neuer sozialer Typus mit neuen Verhaltensschemata besiedeln Herr und Frau Bolidist eine neue, fiktive Stadt. "Fluid City" heißt diese in der damals ausformulierten Bolidistensprache, und ein Ort ist damit nicht gemeint.

Eher schon eine "Art Nervensystem", das aus der bloßen Vernetzung von Kontakten besteht. Heimatlos verzichtet der an verschiedenen Orten lebende Bolidist auf die eigene Wohnung - nicht aber auf das benötigte Mobiliar. Hinter der im Laufe einer mittlerweilen recht lange andauernden Karriere als Designer und Architekt konsequent umgesetzten formalen und konzeptuellen Grundidee verbirgt sich nicht zuletzt aber auch die persönliche Beschleunigungs-Erfahrung des Entwerfers. Klar, Ghini mag im Gespräch viele Vor-Läufer nennen: die italienischen Futuristen der 30er-Jahre, aber auch Arnold Schwarzenegger, der ihn als "Mind Traveller" auf seine Art inspiriert hat.

Nicht zu vergessen der eigene BMW, mit dem Italiens Chefbolidist häufig zwischen Bologna und Mailand hin- und herrast, dabei die Monotonie des Bleifuß-Menschen genießt: Denn dann verändert sich die Sehweise des Fahrers und mit ihr die im Ruhen erworbenen Gewohnheiten: Entscheidend wird die Vordersicht, während die äußeren Ränder des Gesichtsfeldes kaum noch etwas wahrnehmen lassen. Es entsteht ein neuer Menschentyp, sagt Ghini, und eine neue Perspektive für den Designer. Vor allem aber entstehen in jenem Sog Möbel und Produkte, die uns dieses Feld der Wahrnehmung noch einmal in Zeitlupe oder als Standbild auf den Teppich bringen. Und dabei höchstens PU-schaumgebremst daherbrausen. (Der Standard/rondo/Robert Haidinger/19/9/2003)