Rio de Janeiro/Washington - Der Amazonas-Urwald war entgegen früherer Ansichten bereits vor Kolumbus zum Teil dicht besiedelt - und zwar alles andere als primitiv: Manche Dörfer seien mit öffentlichen Einrichtungen wie Plätzen, Straßen, Brücken und Kanälen sehr gut erschlossen gewesen, berichten Forscher aus Brasilien und den USA im Fachjournal "Science".

Das Team um Michael J. Heckenberger von der Universität von Florida (Gainesville) hatte entsprechende Siedlungen im Gebiet Alto Xingu im heutigen brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso entdeckt. Obwohl die Dörfer vor 400 Jahren verlassen worden seien, würden einige dieser Einrichtungen noch heute benutzt.

Unerwartet komplexe Systeme

Die Forscher berichten von "unerwartet komplexen Systemen von Ansiedlungen". Es seien mindestens 19 verschiedene Dörfer entdeckt worden, die jeweils drei bis fünf Kilometer voneinander entfernt gelegen und von bis zu 50 Meter breiten Straßen miteinander verbunden worden seien. Die Wissenschaftler entdeckten bei ihren Ausgrabungen auch Indizien dafür, dass Teile des Regenwalds landwirtschaftlich genutzt oder anderweitig bewirtschaftet wurden.

Die Folgen dieser Bewirtschaftung seien noch heute auf Satellitenbildern zu erkennen. Die Spuren stammten vor allem aus der Zeit zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert. Die Siedlungen seien im Laufe des 17. Jahrhunderts auf Grund eines "katastrophalen Bevölkerungsrückgangs" verlassen worden.

Xinguano-Reservat bis heute fast ohne Kontakt zur Zivilisation

Während die einst vorherrschende Vorstellung des vor Kolumbus nahezu unbewohnten und "unberührten" Amazonas-Dschungels bereits seit vielen Jahren schwindet, fehlten laut Heckenberger bislang gut dokumentierte archäologische Beweise über die Region aus der Zeit vor Kolumbus' Ankunft in der "Neuen Welt" im Jahr 1492. Das Forscher-Team wurde bei den Ausgrabungen und den kartographischen Arbeiten von Indianern vom Stamm der Kuikuro unterstützt.

In der Region Alto Xingu am Oberlauf des in den Amazonas mündenden Xingu-Flusses liegt das 1961 gegründete Reservat "Parque Indigena do Xingu". In dem 22.000 Quadratkilometer großen Territorium leben 16 Indiostämme. Obwohl die Region in den 70er Jahren durch einige Straßen erschlossen wurde, haben sich die Xinguanos bis heute ihre Stammesorganisation bewahrt, weil ihr Kontakt zur Zivilisation immer noch sehr begrenzt ist. Auf Grund von Epidemien war ihre Bevölkerung Mitte des 20. Jahrhunderts auf weniger als 1.000 Menschen gesunken. Inzwischen schätzen die Xinguanos selbst die Reservatsbewohner auf rund 4.000. (APA/dpa)