Ende letzter Woche wurde westlich von Bagdad ein Konvoi der US-Army in einer wohlkoordinierten Aktion angegriffen, mehrere Soldaten verletzt und drei Fahrzeuge zerstört. Wenig später schossen im selben Gebiet, dem so genannten "Sunni-Dreieck", US-Soldaten auf eine irakische Hochzeitsgesellschaft, weil sie die in die Luft abgefeuerten Freudenschüsse für einen Angriff hielten. Sie töteten einen 14-Jährigen und verletzten mehrere andere.

Weit entfernt davon, die Versorgungslage verbessern oder die grassierende Schwerkriminalität stoppen zu können, verschanzen sich die US-Truppen in ihren Lagern oder schießen auf Patrouillen in Panik unkontrolliert los (u. a. auf irakische Polizisten).

Fazit: Die Amerikaner sind nicht in der Lage, jener Mehrheit der Iraker, die zumindest froh über das Ende des Horrorregimes Saddam Husseins waren, ein halbwegs erträgliches Leben zu bieten. Im sunnitischen Zentrum ist ein Guerillakrieg im Entstehen, den die Amerikaner nicht gewinnen können. Der Ölreichtum ist nicht verwertbar, weil ständig Pipelines gesprengt werden. Humanitäre Organisationen verlassen das Land, weil die Besatzungsmacht ihre Sicherheit nicht garantieren kann.

Die UN, die einen Teil der politischen Verwaltung übernehmen sollen, sind ebenfalls ständig das Ziel von Anschlägen. Im schiitischen Süden arbeiten Radikale erfolgreich an der Errichtung eines Gottesstaates. Die "Demokratisierung des Irak als Modell für die ganze Nahostregion" ist nicht einmal in Ansätzen absehbar und wahrscheinlich bereits tot. Im Gegenteil: Fundamentalistische Terroristen, die es vorher dort nicht gab, werden vom Irak magisch angezogen, denn hier ist das Schlachtfeld, auf dem sie den Kampf mit dem Westen gewinnen wollen. Es gibt keine nennenswerte positive Entwicklung seit Saddams Sturz.

Diese katastrophale Bilanz seines willkürlich begonnenen Krieges versucht George W. Bush heute vor der UN-Generalversammlung zu verteidigen und neue Hilfstruppen unter den Nationen der Welt anzuwerben. Er wird damit kein Glück haben. Kein Staatsmann kann so verrückt sein und über eine gewisse humanitäre und sonstige Hilfe hinaus in das Bush-Fiasko im Irak nennenswert Leben und Gut seiner Bürger investieren. Es sei denn, Bush verkündet eine totale Umkehr vom bisherigen Weg grenzenloser Ignoranz, Arroganz und Selbstüberschätzung. Ein guter Beginn wäre, Verteidigungsminister Rumsfeld und die anderen Neokonservativen zu feuern, die glaubten, es genüge, gegen einen inferioren Gegner einen militärischen Sieg zu erringen, und alles andere werde sich schon finden.

Damit ist freilich nicht zu rechnen, denn dazu ist Bush von seinen alten Mentoren, die alle schon für seinen Vater gearbeitet haben, viel zu abhängig. Und, wichtiger noch, es ist mit seinem starren Weltbild nicht vereinbar, dass die USA schleunigst einen anderen Ansatz versuchen müssten. Der sollte wahrscheinlich in einer gigantischen Anstrengung bestehen, das materielle Los der Iraker deutlich zu verbessern. Nur dann kann der Guerilla und den Terroristen der Nährboden entzogen werden. Der zweite Schritt wäre eine weit gehende Machtübergabe an die Iraker selbst. Möglicherweise ist die Situation aber nicht mehr in den Griff zu bekommen und der Irak wird das Grab für US-Ansprüche eines "demokratischen Imperialismus".

Möglicherweise ist George W. Bush der Präsident, der den Niedergang der USA als unumschränkte Supermacht einleitete. hans.rauscher@derStandard.at (DER STANDARD, Printausgabe, 23.9.2003)