Unter dem Titel "Adornos Diagonale" publizierte der STANDARD in der Samstagausgabe (27./28.9.) an dieser Stelle einen Kommentar von Harald Pfannhauser - der nicht nur Medienconsulter der Wirtschaftskammer ist, sondern 1999 auch für den Bundespressedienst der ÖVP tätig war. Daran - und auch an dem Kommentar selbst - ist an sich nichts Bemerkenswertes. Es ist nicht bemerkenswert, dass Pfannhauser, Adorno und Benjamin zitierend, die österreichischen Filmschaffenden als marxistische Hinterwäldler porträtiert: die sich weigern würden, einen Serben als Chef ihres Festivals zu akzeptieren; die lieber unter sich blieben; die den Vergleich mit den "Produkten" aus Südosteuropa scheuten.

Es ist gar nicht bemerkenswert, dass man aus dieser offensichtlichen Unkenntnis zu schließen hat, dass Pfannhauser entweder noch nie oder schon lange nicht mehr bei der Diagonale in Graz zu Gast war - eine Feststellung, die sich bezüglich Franz Morak selbst sowie verschiedener Fürsprecher seiner "Diagonale neu" ebenfalls treffen lässt.

Es ist nicht bemerkenswert, dass Harald Pfannhauser - um seine Argumente ordentlich auszuschöpfen - einen alten Lieblingsgedanken der ÖVP heraufbeschwört, hinter dem nicht viel mehr steckt als der gute alte habsburgische Mythos: Österreich im Herzen Europas - und seine Arme reichen in alle vier Himmelsrichtungen, bis ans Ende des Horizonts. Es ist weiters überhaupt nicht bemerkenswert, dass Pfannhauser in die Falle seiner eigenen polemischen Argumente stolpert: "Hie böse Kulturindustrie, da gute Avantgarde" - wer glaubt noch, dass die Welt so simpel gestrickt ist?

Intendanten als Ignoranten

Es ist auch nicht bemerkenswert, dass, wenn Harald Pfannhauser die Worte "österreichischer Film" bemüht und über Avantgarde spricht, man sich des Gefühls nicht erwehren kann, dass er nicht so recht weiß, worüber er hier extemporiert: wieder einer, der "künstlerischen Anspruch" und die "Erfordernisse des Marktes" gegeneinander ausspielen will, der offenbar furchtbar leidet, wenn Filmemacher sich "ihrem Publikum verweigern und nur für Gleichgesinnte produzieren" ... - diese Klage, die so alt ist wie der Gegenstand, um den sie sich dreht, ist noch viel österreichischer, als es ein österreichischer Film (auch gemäß den Maßstäben Harald Pfannhausers) je sein könnte.

Schließlich: Was soll daran bemerkenswert sein, dass Pfannhauser, wenn auch in bisher noch ungekannter Offenheit, die ökonomischen Hintergründe der Diagonale-Neuerfindung als Fernsehfestival darlegt, wenn er von der Styria-KirchMedia-Ballung in den Gremien des Festivals naturgemäß das Allerbeste erwartet?

Wenn etwas an dem Pfannhauserschen Text bemerkenswert ist, dann vielleicht einzig, dass er völlig an den Argumenten der österreichischen Filmschaffenden vorbeigeht, sie offensichtlich nicht einmal wahrnimmt. Wenn etwas an der Haltung der Führung der Diagonale 04, Fuchs/Vuckovic/Ainberger, gegenüber ihren Kritikern bemerkenswert ist, dann dieses: dass sie die Argumente der österreichischen Filmschaffenden ignorieren.

Wenn etwas am Schweigen Franz Moraks bemerkenswert ist: dass er die Argumente der österreichischen Filmschaffenden - und übrigens darüber hinaus eines großen Teils der österreichischen Kulturszene - um jeden Preis überhören will.

Hier in Rotterdam habe ich unlängst im Fernsehen zufällig die Aufzeichnung einer Debatte zwischen Noam Chomsky und Michel Foucault gesehen. Die Unterdrückten, so Foucault sinngemäß, stehen auf gegen die Mächtigen, Herrschenden, um die Macht an sich zu reißen. Aus keinem anderen Grund. Zu keinem anderen Zweck. Es wäre pathetisch und lächerlich, Österreichs Filmschaffende als "unterdrückt" zu bezeichnen. Aber sie sind ausgeschlossen: ausgeschlossen aus einem Entscheidungsprozess über Strukturen, die ursächlich und vielfältig ihre Interessen betreffen - und das nicht zum ersten, und so wie es aussieht, auch nicht zum letzten Mal. Wir wollen die - unsere - Diagonale zurückhaben. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2003)