Linz - "'tschuldige!", ruft Papageno dem davoneilenden Monostatos nach. Nichts für ungut, die Figur des bösen Mohren hat der Schikaneder damals so zeitgeistig hineingepflastert in die ohnehin zusammengestoppelte Geschichte. Jetzt tun wir unsere Schuldigkeit und rehabilitieren dich. Gewissermaßen historisch. Putzen dir das Schwarz aus dem Gesicht, oder malen es uns auf, oder machen einfach beides. Das Theater soll ja doch ein Ort der Aufklärung sein, oder etwa nicht? Na ja, was weiß man schon. Traum oder Wirklichkeit, Märchen oder Schwank, Vergangenheit oder Gegenwart, Fortschritt oder Rückschritt ... ist's ohnehin alles eins oder doch beides? Wie auch immer: Hauptsache, es ist Theater!

Im Linzer Landestheater, dem nun genau 200 Jahre nach seiner Eröffnung im Jahre 1803 mit Mozarts Zauberflöte offiziell zum 200. Geburtstag gratuliert wurde, präsentierte sich dieselbe in erfreulich frischer Form. Regisseur Olivier Tambosi gelang fast so etwas wie die Quadratur des Kreises - nämlich die ungebrochene Hereinnahme der "ernsten Welt" des Sarastro in die opulente Wiener Vorstadtkomödie. Er bürstete allerlei Interpretationsmuster gegen den Strich, aber doch nicht in einem Ausmaß, dass das Premierenpublikum die Haare aufgestellt hätte.

Alles wird hier ein wenig durch den Kakao gezogen, aber die Botschaft bleibt dennoch sehr deutlich präsent. Am Ort der Aufklärung kriegt auch die ihr Fett ab: Die Logenbrüder des Sarastro erscheinen keineswegs als humanistische Boten oder gar als ästhetische Neuerer. Ihre Papierhüte, Plastikeimer und pädagogischen Spiegelfechtereien gehören eher in die Rubrik kindisch.

Die manuelle Opernarbeit

Mit schmerzerfüllten Gesichtern zucken sie bei den scharfen Es-Dur-Akkorden zusammen, mit denen Mozart die Prüfungen ankündigt. Trefflich eingebettet in das Konzept sind Bühnenbild (Friedrich Despalmes) und Kostüme (Andrea Hölzl). In einer fröhlich-ironischen Geburtstagsreminiszenz verschmelzen neue Bühnentechnologie mit sichtbarer manueller Arbeit, verspielte Kostümschinken mit grauen Anzügen, Klamauk mit Sentimentalität. Dirigent Dennis Russel Davis entfacht dramatisches Feuer im Orchestergraben, lässt die Tempi weit auseinander fallen und korrespondiert aufmerksam mit den Leuten auf der Bühne und am 2. Rang (Chor).

Aus der Sängerriege ragt die Pamina der Christiane Boesiger in den Zauberflötenhimmel, während Tamino (Emmanuel di Villarosa) mit kräftiger und schöner Stimme in einer anderen Oper singt. Gegenwartsbezogen agiert Daniel Ohlenschlägers Papageno, stimmlich unterdurchschnittlich die Königin der Nacht (Katarzyna), luxuriös besetzt hingegen das Damenquartett. Lang anhaltender Geburtstagsjubel, der die vereinzelten Missfallensklänge eher rasch erdrückte. Gut gemacht, altes Haus! (DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2003)