Die Spannungen zwischen den Nato-Partnern Griechenland und Türkei galten lange Jahre als unüberbrückbar. Man stritt sich verbissen um tennisplatzgroße Felseninseln in der Ägäis und stand zweimal kurz vor einem Krieg, türkische Jagdbomber bedrängten gar die Maschine eines griechischen Ministers. Beim Thema Zypern verloren beide Streitparteien ohnehin regelmäßig die Contenance. Kurz: zwischen der Türkei und Griechenland schien der Konflikt institutionalisiert zu sein, die Streithähne gaben sich strikt unversöhnlich.

Und nun das: die politischen Spitzen in Ankara und Athen mögen sich und strahlen um die Wette, anlässlich des Besuches des türkischen Außenministers Abdullah Gül in der griechischen Hauptstadt wird ein gutnachbarschaftliches Verhältnis ausgerufen, möglicherweise provokante Militärmanöver werden abgesagt, alle noch verbliebenen Probleme wie die strittige Grenzziehung in der Ägäis sollen nun auf diplomatischem Weg gelöst werden. Friede und Freundschaft brechen aus.

Die Bevölkerung beider Staaten ist ihren Politikern aber dennoch schon weit voraus. Spätestens seit dem verheerenden Erdbeben 1999 in der Türkei, als eine unerhörte Welle griechischer Hilfsbereitschaft über die Bebenopfer brandete, ahnte man den Beginn einer neuen Ära. Das bilaterale Handelsvolumen kletterte auf eine sensationelle Milliarde US-Dollar, Reiseerleichterungen wurden gewährt und sowohl von Griechen als auch von Türken genutzt. Die Völker kamen sich endlich wieder näher.

Diese Fortschritte konnten erzielt werden, weil sich die Militärs der Türkei nobel zurückhalten und das Land in die EU will. Doch für die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen sind eben gute Beziehungen mit allen EU-Staaten Pflicht. Hier zeigt sich erneut die friedensschaffende Kraft der Europäischen Union; einer Kraft, die von uns als selbstverständlich hingenommen und immer noch viel zu gering geschätzt wird. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.10.2003)