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Péter Esterházy

Foto: APA /Barbara Gindl
Ostmitteleuropa werde von den Befürwortern einer Vertiefung der EU als Störfaktor empfunden, meint der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy. Über die europäische Zukunft und seine tragische familiäre Vergangenheit sprach mit ihm Josef Kirchengast.


Standard: Sie haben sich in Ihrer Antwort auf Jürgen Habermas gegen dessen Forderung eines Kerneuropa ausgesprochen und am Ende Ihres Essays im "FAZ"-Feuilleton gemeint, es wäre gut, einmal "das gemeinsam-europäisch Beunruhigende" zu finden. Was könnte das sein?
Esterházy: Es gibt keinen Satz, der das beschreiben kann. Das wäre eher eine Haltung - die nicht ohne Risiko ist: dass gemeinsam eben gemeinsam bedeutet und nicht einen Teil Gemeinsamkeit. Diese Teilgemeinsamkeit, siehe Kerneuropa, ist ein sehr logischer Gedanke, weil unsere Gesellschaften in der Tat in unterschiedlichen Phasen sind. Am prägnantesten sieht man das in Deutschland. Durch die ehemalige DDR ist dieses Ostmitteleuropa in den Westen eingebrochen, und das ist sehr mühsam. Dieses Kerneuropa ist also ein logischer Gedanke, aber meiner Ansicht nach ein Fehlgedanke.
STANDARD: Widerspricht der Ruf nach einem politisch und militärisch starken Europa als einem Global Player nicht einem europäischen Grundgedanken, dass es nach den Erfahrungen und Katastrophen des 20. Jahrhunderts eine derartige Großmacht eben nicht mehr geben sollte, dass das etwas Anachronistisches wäre?
Esterházy: Klein ist schön, ja, gut. Das würde dann aber schon eine große Asymmetrie zu Amerika bedeuten. Da müssten wir dann, wie im letzten Jahrzehnt, immer diese Hilfe in Anspruch nehmen. Wir könnten ja nicht einmal eine Polizei- und Ordnungsfunktion wahrnehmen, siehe Bosnien. Aber es wäre ein falscher Gedanke, sich gegen Amerika stark zu machen.

STANDARD: Wenn jetzt Frankreich, Deutschland, Belgien und Luxemburg in der Verteidigungspolitik schneller voranschreiten wollen, wäre das doch ein gangbarer Weg, dieses "Europa der zwei Geschwindigkeiten": Einige sind schneller, und die anderen können später dazustoßen.
Esterházy: Das wäre nicht sehr spannend. Das würde doch eine neue Qualität der europäischen Verhältnisse bedeuten. Ich glaube, jeder macht es sich recht bequem. Was den Osten betrifft, so glaubt er, das ist ein schöner Klub, zu dem man sich nur anzumelden braucht. Mir fällt dazu ein Besuch in Cividale ein. In Friaul gab es vor Jahrzehnten dieses große Erdbeben. Heute floriert alles. Ich habe den Bürgermeister gefragt: Wie haben Sie das gemacht? Er sagte: Wir haben gearbeitet. So eine Antwort wäre eine Neuigkeit in Osteuropa.

STANDARD: Gerade in Friaul gibt es ja eine ziemlich starke Mitteleuropa-Nostalgie.Sehen Sie für Mitteleuropa in der erweiterten EU noch irgendeine reale Bedeutung, oder ist das nur noch Nostalgie, eine Liebhaberei einiger Literaten?
Esterházy: Ich war nie ein begeisterter Mitteleuropa-Debattierer. Das haben György Konrád oder Milan Kundera immer besser gemacht. Ich war nicht skeptisch, aber schon weiter weg davon. Es gibt aber etwas Gemeinsames: die Beziehung zur Geschichte. Das ist das Zauberwort, das auch das Handeln beeinflusst. Dass das auch in der EU Bedeutung hat, glaube ich weniger.

STANDARD: Also eine Sache des Geistes und des Gefühls. Auch der gemeinsamen Erfahrung historischer Katastrophen?
Esterházy: Nostalgie spürte ich nie, auch in Ungarn kaum. Weder K.u.k.-Nostalgie noch Kádár-Nostalgie (János Kádár war Parteichef während des so genannten Gulaschkommunismus, Red.) Wir sehen auch nicht, dass die so genannten osteuropäischen Länder durch die gemeinsame historische Erfahrung zu brüderlichen Beziehungen gefunden hätten. Im Gegenteil: Jahrhunderte alte Feindschaften kehrten plötzlich zurück, siehe Jugoslawien. Gemeinsamkeit durch gemeinsames Leiden, das ist also nicht der Fall.

STANDARD: Woraus erklären Sie sich eigentlich diese starke wechselseitige Zuneigung von Österreichern und Ungarn? In einer neuen Umfrage haben die Ungarn in der Beliebtheitsskala der Österreicher erstmals die Deutschen überholt. Kommt das auch daher, dass man einander eigentlich nicht wirklich kennt?
Esterházy: Das Nichtkennen ist eine große Hilfe bei der Liebe. Vielleicht sind auch die Zahnärzte ein wichtiger Faktor. Aber es gibt dann doch etwas. Gemeinsamkeit wäre zu viel gesagt, aber manchmal spüre ich das in Österreich, in Wien: Ach, das kenn' ich. Wenn ich eine Figur sehe oder Bewegungsarten oder Verhaltensweisen: Ach, das kenn' ich. Das hat mit Nostalgie nichts zu tun, aber es nährt sich doch aus der gemeinsamen Vergangenheit. Bei den Ungarn hat Österreich einfach gute Chancen. Denn die Slowaken haben keine Chancen, die Rumänen sowieso nicht, und die Serben, na ja.

STANDARD: Also faute de mieux, in Ermangelung von Besserem.
Esterházy: Österreich bedeutet für uns auch einfach Westen.

STANDARD: Was die Vergangenheit betrifft: Der Fall Ihres Vaters, von dem Sie erst spät erfahren haben, dass er für die kommunistische Staatssicherheit gearbeitet hat, ist in gewisser Weise symptomatisch für alle posttotalitären Gesellschaften Ostmitteleuropas. Sie selbst sprechen von einer Tragödie. Wie lange dauert es, bis dieses Trauma bewältigt ist?
Esterházy: Dazu braucht man viel Zeit. Gegenwärtig sehe ich, dass die Gesellschaft keine Kraft dazu hat. Einfach zu erzählen, was geschehen ist, das ist schwierig. Da ist das Klischee einfacher, unabhängig von den politischen Lagern. Jeder benützt zurzeit das Klischee, sprich die Selbstlüge, und mit der Selbstlüge manipulieren wir uns. Gut ist das nicht, aber wir haben wohl keine Wahl. Das ist eine Generationensache.
STANDARD: Ihnen selbst scheint das Schreiben geholfen zu haben, das irgendwie zu bewältigen - wenn das überhaupt möglich ist?
Esterházy: Bewältigen ist nicht das richtige Wort. Ich habe jetzt mehr Blick auf das Leiden eines Mannes, sein Ausgeliefertsein, oder einfach darauf, wie fragil ein menschliches Wesen sein kann. Es gibt in der Tat in der Geschichte so grobe Kräfte, wo ein Mensch sich verlieren kann.

(DER STANDARD; Printausgabe, 29.10.2003)