Otto Moll, als Kommandant im Konzentrationslager Auschwitz wesentlich an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt, wurde vom Wiener Volksgericht wegen Erschlagen eines einzigen Häftlings im KZ-Dachau verurteilt. Jene Menschen, für deren Tod er vor seiner Versetzung nach Dachau verantwortlich war, fanden in seinem Prozess keine Beachtung.

Der Fall Moll ist nur ein Beispiel für die Kritik des Autors und Journalisten Hellmut Butterweck an der österreichischen Nachkriegsjustiz. Butterweck stellt auf Basis von Gerichtsakten und Zeitungsberichten unangenehme Fragen zum Verlauf der Volksgerichtsprozesse gegen NS-Straftäter nach 1945. Unangenehm insbesondere für die politisch Verantwortlichen, deren Rolle nach Ansicht des Autors einer "Politik der Lügen" gleichkommt.

Warum haben die Staatsanwälte bestimmte Täterkategorien wie Richter oder Gestapo-Männer konsequent geschont? Warum gab es nach anfänglicher Bereitschaft zu - oftmals übermäßig harten - Bestrafungen seit 1947 eine völlige Umkehr in Richtung "Massenbegnadigung"? Differenzierte Erklärungsversuche dafür versucht Butterweck mithilfe zahlreicher, bisher unbekannter Details aus Presseberichten zu finden.

Dabei kommt er zu brisanten Ergebnissen: Vor allem ÖVP und SPÖ hätten durch ihr Schielen auf nationalsozialistisches Wählerpotenzial ab 1948 zur Liquidierung der Nazifrage beigetragen. Von den 1945 schuldig gesprochenen 13.607 NS-Straftätern waren Ende 1954 nur noch 17 in Haft. Der Rest wurde auf informellem Weg, "auf Empfehlung öffentlichkeitsscheuer ministerieller Stellen" begnadigt. Hellmut Butterweck versucht, Licht ins Dunkel zu bringen.(Karin Moser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 10. 2003)