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"A Better Tomorrow"

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"Made in Hongkong"

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Seitwärts gekippte Kamera und der (einst unter Piloten als halsbrecherisch gefürchtete) Anflug auf Hongkong als Metapher: Polizist 663 (Tony Leung) und Stewardess (Valerie Chow) in "Chungking Express"

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Hongkong-Kino ist so hybrid wie die Stadt, aus der es kommt. Diese selbst hat in den Filmen stets einen privilegierten Platz. Ein kleiner Streifzug - vom Gangsterparadies über die desolaten Ränder hin zum Neonraum ohne Grenzen.


Hongkong ist weder lokal, noch international, sondern beides zugleich. Einerseits hebt sich die Stadt schon sprachlich von der offiziellen chinesischen Kultur des Festlands ab und bewahrt so als kontinentale Insel ihre eigene widersprüchliche Identität. Umgekehrt ist sie aufgrund ihrer kolonialen Vergangenheit schon immer transnational orientiert gewesen - als bedeutender Wirtschaftsstandort angekoppelt an den globalen Warenverkehr. Hongkong-Kino - schon dieser Begriff beweist, wie stark die Filme mit ihrem Produktionsort verbunden sind. Weniger mythisch aufgeladen als Hollywood, steht er für ein Kino des Spektakels, das, wiewohl gnadenlos kommerziell, transparent bleibt für die Krisen des ihm zugrunde liegenden Territoriums.

So bestimmt etwa das Nebeneinander von Altem und Neuem beziehungsweise die wechselseitige Durchdringung dieser beiden Prinzipien nicht nur Hongkong, sondern auch die Filme, die von der Metropole erzählen. John Woo stilisiert sie in seinem ungemein einflussreichen Film A Better Tomorrow zum düsteren Neon-Noir-Schauplatz, in dem wie im US-Gangsterfilm der 30er-Jahre jederzeit aus vorfahrenden Limousinen das Feuer eröffnet werden kann. Umgekehrt wurde das äußere Erscheinungsbild der Triaden, ihr Hang zu Fashion und Statussymbolen, zum emblematischen Bild, das noch etliche Filme übernehmen sollten.

Bereits 1986 gedreht, drückt A Better Tomorrow bereits ein - wenn auch noch diffuses - Unbehagen bezüglich der Zukunft Hongkongs nach der Rückgabe an China aus. Denn Woo bevorzugt darin einen heroischen Individualismus gegenüber der Zugehörigkeit zu einer Institution: Die Triaden haben bei den meisten Geschäften ihre Finger im Spiel - wie im Übrigen auch in der Filmwirtschaft -, die Polizei ist gegen Korruption in den eigenen Reihen machtlos. Von der Distanz eines Hügels aus betrachtet liegt Hongkong in der Nacht wie eine fluoreszierende Oase da. "I never realized how beautiful the city is", meint Mark (Chow Yun-Fat), einer der beiden Helden aus A Better Tomorrow. Sein Gesicht ist aufgeschwollen, entstellt durch etliche Blessuren. "Someday", fügt er hinzu, "all that will be vanished."


In A Better Tomorrow hat Actionregisseur Woo erstmals eines seiner bevorzugten Themen breit ausgespielt: Das Band einer edlen Freundschaft ist darin stärker als die Macht- und Gewinnsucht der neuen Emporkömmlinge. Es sind alte Moral-Codes, die die Gangster verbinden - Woo hat sie chinesischen Legenden entnommen, die schon das Martial-Arts-Genre prägten, und in neue Umgebung verpflanzt. In der spätkapitalistischen Welt des ungehemmten Profits wirken die beiden dennoch ein wenig wie Ritter in einer falschen Ära.

Auch wenn die Designeranzüge, die sie am Anfang des Films noch tragen, die Top-hotels, in denen sie ihre Geschäfte abwickeln, von ihrer Sehnsucht nach sozialem Aufstieg erzählen, bleibt A Better Tomorrow ein Film über alte Tugenden: Loyalität, Ehre, Pflichtgefühl. Auch wenn bei tropischen Temperaturen niemand in Hongkong ernsthaft Trenchcoats trägt, wurde Marks bevorzugtes - Jean-Pierre Melvilles Le Samurai entnommenes - Kleidungsstück zum Verkaufsschlager.

Fruit Chans Made in Hongkong, entstanden zur Stunde null, 1997, ein vergleichsweise kleiner, unabhängig produzierter, mit jugendlichen Laien besetzter Film, zeigt die trostlosen Ränder der Stadt: Die zentrale Figur, Autumn Moon, kann von seiner schuhschachtelgroßen Wohnung in einem Plattenbau das Finanzzentrum überblicken. Dorthin gelangt er jedoch fast nie. Chan breitet in gewisser Hinsicht die Vorgeschichte zu A Better Tomorrow aus, wenn er von einer Jugend in Armut erzählt, die nicht alt genug wird, um zu den Triaden vorzudringen. Es ist ein Film auf Straßenhöhe, in dem kein Glamour zu finden ist. Die Fallhöhe bleibt darin auf die Größe eines Wohnhauses beschränkt. Ein Mädchen begeht Selbstmord, seitdem ist auch Autumns Leben aus dem Lot.

In Made in Hongkong sieht man mehr vom Alltag der Stadt: die engen Markthallen, die desolaten Sportplätze der Jugendlichen, Stiegenhäuser, die sich endlos in den Himmel stapeln, muffige Innenräume, in denen Gangster sitzen, die Fat Chan heißen. Auswege gibt es keine: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis darin der Übermut in den Ernstfall mündet. Chan malt das expressionistische Bild einer verlorenen Generation, die weder auf staatliche noch elterliche Unterstützung hoffen darf.


Der Filmemacher jedoch, mit dem die postmoderne Urbanität Hongkongs am öftesten assoziiert wird, ist Wong Kar-wei. In seinen Großstadtballaden Chungking Express und Fallen Angels lässt er die Stadt zu einem fließenden Sog aus unterschiedlichsten Bildtypen werden. Seine Figuren - ob Auftragskiller, Polizisten oder mysteriöse Femme fatales - jagen durch fragmentarische Geschichten oder nisten sich stör-

risch in Innenräumen ein. Hongkong ist bei Wong stets mehr ein innerer Zustand, eine flüchtige Intensität als ein konkreter, geografisch messbarer Raum - und wird als subjektive Erfahrung in den seltensten Fällen mitteilbar.

Die Stadt ist bei Wong immer auch ein Ort der Entfremdung, in dem sich jeder seine eigene Identität zusammensetzen muss und trotz (oder gerade wegen) der hohen Population das Gefühl der Einsamkeit groß ist. Die Eigenschaft Hongkongs, sich permanent zu wandeln, eine kulturelle Diversität auf vergleichsweise wenig Raum zu bieten, findet bei Wong ihren unmittelbarsten Ausdruck.

In seinem jüngsten Film, In the Mood for Love , blickt er auf die Ära zurück, in der sich das Bild der Stadt wieder einmal neu formte: Anfang der 60er-Jahre wurde der transitorische Ort für geflüchtete Festlandchinesen allmählich zur Heimat - Wong beschwört sie nostalgisch herauf, als Anfang vieler unmöglichen Lieben. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.10./1.11./2.11.2003)