Wien - Am ehemaligen Militärschießplatz in Wien-Kagran haben sich am Donnerstag zum zweiten Mal ehemalige Wehrmachtsdeserteure versammelt, um den Tausenden Opfern der NS-Militärjustiz zu gedenken. An der früheren Hinrichtungsstätte allein starben zwischen 1940 und 1945 über hundert "ungehorsame Soldaten" durch Erschießungskommandos der Wehrmacht. Der Sprecher des Personenkomitees "Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz", Richard Wadani, wies auf die weiter offene Rehabilitierung der Deserteure hin: "Das offizielle Österreich hat für uns nichts übrig. Wir werden aber weiter dafür eintreten, dass wir als Teil des Widerstandes anerkannt werden."

Der Schriftsteller Michael Guttenbrunner, der selbst von einem Militärgericht zum Tode verurteilt worden war, las aus einem Gedicht, das er den Erschossenen widmete. "Sie haben die Kette militärischer Disziplin gesprengt." Insgesamt seien 15.000 Menschen den Militärrichtern zum Opfer gefallen, erklärte der ehemalige Wehrmachtsdeserteur und Widerstandskämpfer Hugo Pepper. Die Dunkelzahl sei aber viel höher, verwies er auf das willkürliche Wüten von ad-hoc-Gerichten in den letzten Kriegswochen.

Geplanter Erlass

Neben etwa 20 Überlebenden nahm an der Kundgebung unter anderem Roland Miklau vom Justizministerium teil. Am Rande erklärte er, das Ministerium werde "in den nächsten Tagen" einen Erlass an alle Gerichte herausgeben, Anträge auf Aufhebungen von Urteilen der NS-Militärjustiz von Betroffenen oder ihren Angehörigen positiv zu behandeln. Ein Vorgehen von Seiten der Republik, wie es ein Nationalratsbeschluss aus dem Jahre 1999 gefordert hatte, sei im Justizministerium derzeit aber nicht geplant. Dafür würden aktuelle Daten der Opfer fehlen.

Auf die Frage, ob es eine offizielle Erklärung der Republik zur Rehabilitierung geben werde, meinte Miklau: "Ich persönlich befürworte das." Eine Entscheidung dafür gebe es aber noch nicht. "Es gibt eine Diskussion darüber." Der Politologe Walter Manoschek, der im Auftrag des Wissenschaftsministeriums die Geschichte der Opfer erforscht hat, plädierte für ein Herantreten der Republik an die Opfer. "Mit unseren Daten und in Zusammenarbeit mit dem Meldeamt dürfte das kein Problem sein." (APA)