In Cancún gehörte China noch zum Führungstrio der G-21-Gruppe, den größten Gegenspielern der Europäischen Union in der WTO-Verhandlungsrunde. Jetzt hofft Ministerpräsident Wen Jiabao, dass die EU künftig politisch und wirtschaftlich Chinas "größter Partner" wird und sich das Handelsvolumen bis 2010 auf 200 Milliarden Euro verdoppelt. Immer an die Zukunft denken - das mag auch das Motto der nach Peking gereisten EU-Granden sein, sonst könnten sie nicht über gegenwärtige Unzulänglichkeiten im Reich der Mitte hinweggehen.

Gemeint ist damit nicht nur die Menschenrechtslage, die bei einem so potenten Wirtschaftspartner heutzutage kaum ins Gewicht fällt. Da sich China zumindest gegenüber seinen Nachbarn - Taiwan vielleicht ausgeblendet - anständig verhält, wird eine Politik von Zuckerbrot und Peitsche, wie sie die EU zuletzt erfolgreich gegen den Iran eingesetzt hatte, erst gar nicht erwogen. Unter solchen Umständen kann EU-Kommissionschef Romano Prodi dann sogar ein Ende des Waffenembargos in Aussicht stellen, an das die USA nicht einmal denken mögen.

Die EU schaut auch trotz der Jammerschreie europäischer Firmen über Pekings Wechselkurspolitik hinweg, das künstlich den Preis für die Landeswährung Yuan/Renminbi niedrig hält, um seine Exporte zu fördern. US-Finanzminister John Snow hingegen zieht seit Monaten darüber klagend durch die Welt.

Umso heller klingt der Brüsseler Jubel über Pekings Unterschrift unter eine 200-Millionen-Beteiligung am europäischen Satellitennavigationssystem Galileo. Auch gegen Galileo hatten die USA aus Angst vor Konkurrenz für das eigene GPS-System und um die nationale Sicherheit lange agitiert.

Offenbar will sich die EU auf Kosten der USA in China profilieren. Als "größter Partner" eben. Und zumindest ohne schlechtes Gewissen gegenüber Washington, das für gewöhnlich auch die Margen höher wertet als die Moral. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.10./1./2.11.2003)