St. Pölten - "Ich finde ein von außen versperrtes Zimmer vor und verlange vom zuständigen Doktor, dass die Türe aufgesperrt wird. (Drinnen) finde ich eine ca. 80-jährige Frau vor . . .Auf mein Befragen, ob sie auch möchte, dass die Zimmertüre zugesperrt ist, sagt sie: ". . . eigentlich nicht."

So schreibt ein Gutachter, der im Jahr 2001 unangemeldet "Einschau" in einem privaten Pflegeheim in Maiersdorf bei Wiener Neustadt hielt. Die "Tatsache" der eingesperrten alten Frau müsse "besonders hervorgehoben werden", notierte damals der im Auftrag des Landes agierende Experte.

Eigenmächtig Sedativa verabreichende Aupair-Kräfte

Heute, zwei Jahre später, gibt es das Heim noch immer. Zwar hatte der Gutachter in Maiersdorf "Gefahr im Verzug" festgestellt, nachdem er in dem Sechszimmerheim auch eigenmächtig Sedativa (Bezeichnung für Medikamente, die zur Beruhigung verwendet werden - sie machen müde und wirken allgemein leistungsmindernd) verabreichende Aupair-Kräfte angetroffen hatte. Doch "abgesehen von der Verlegung von zwei Insassen ist nichts passiert", kritisiert Niederösterreichs Grünen-Gesundheitssprecherin Helga Krismer.

Eklatante Gesetzeslücken bei der Kontrolle rein privater Pflegeheime

Weil es, so Krismer, "in Niederösterreich, wie überhaupt bundesweit, eklatante Gesetzeslücken bei der Kontrolle rein privater Pflegeheime gibt". Dort, wo auf privatrechtlicher Basis gepflegt werde, hätten die "an sich sehr hohen Qualitätsstandards für kommunale Heime in Niederösterreich keine Geltung mehr".

Damit rennt sie beim Patienten- und Pflegeanwalt des Landes, Gerald Bachinger, offene Türen ein. Ihm schweben im Fall begründeten Verdachts "Zwangsbefugnisse auf Länderebene vor, um der Gendarmerie zu Privatheimen Zutritt zu verschaffen". (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe 31.10.2003)