Die Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene zeigt nach fünf Jahren erste Erfolge: Die Schweiz transportiert 65 Prozent des Transits via Bahn. Am 8. Februar könnten die Weichen für eine 30 Milliarden Franken schwere Straßenbauoffensive fallen.

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Beinahe täglich erreicht Österreich eine Hiobsbotschaft in Sachen Transitvertrag. Das Verkehrsmusterland Schweiz baut derweil unverdrossen Bahnstrecken und -services aus, um den anschwellenden Güterverkehr von der Straße auf die Schiene zu locken. 30,5 Milliarden Schweizer Franken (19,35 Mrd. Euro) werden dafür bis 2015 in Streckenverbesserungen, eine effizientere Bahn, Lärmschutz sowie zwei Tunnel gesteckt.

Das Geld dafür - den Löwenanteil verschlingen mit 15 Mrd. Franken die aus Gotthard- und Lötschbergtunnel plus Zubringern bestehenden Neuen Alpentransversalen (Neat) - kommt großteils aus einer gegenüber der österreichischen Lkw-Maut höheren Leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA), die die Schweiz einhebt. 13 Mrd. Franken fließen in "Bahn 2000", eine Schienen-Offensive, die alle Verbindungen zwischen Ballungsräumen bis Ende 2004 vertakten und auf eine Stunde reduzieren soll.

Eine Zwischenbilanz des Bundesamts für Verkehr (BAV) in Bern nach den ersten vier Jahren "Verlagerungskurs" belege den - dank Nachtfahrverbot und hoher Maut (eine Durchfahrt von Basel nach Chiasso kostet 200 Euro) - Erfolg: 7,6 Mio. Tonnen Güter werden jährlich auf dem Straßenweg über den Gotthard transportiert, 16,8 auf dem Bahnweg. Am Brenner ist es genau umgekehrt: 9,4 Mio. Tonnen auf der Schiene, 25,9 auf der Straße.

65 Prozent auf Schiene

Insgesamt wickeln die Schweizer bereits 65 Prozent des Transits mit der Bahn ab, vor fünf Jahren waren es 40. Die Zahl der Laster ging um neun Prozent zurück. Dass im selben Zeitraum die Tonnage pro Lkw von 28 auf 34 Tonnen erhöht wurde, lässt Bundesrat Moritz Leuenberger nicht als Mogelei gelten: "Entscheidend für Lärm, Schadstoff und Verschleiß ist die Lasterzahl und die ging zurück."

Ob sich trotz dieses nationalen Kraftakts die gesetzliche Vorgabe, die Zahl der Laster von derzeit 1,4 Mio. auf 650.000 zu drücken (bis 2009), erfüllen lässt, ist fraglich. Denn es droht Gefahr von der Straße: Am 8. Februar stimmen die Schweizer über Avanti+, eine ebenfalls 30 Mrd. Franken schwere Initiative ab, die den Ausbau des 1800 Kilometer langen Autobahnnetzes vorsieht. Darunter der sechsspurige Ausbau Zürich-Bern und Lausanne- Genf sowie eine zweite Gotthard-Röhre. Analog zur Finöv-Bahnfinanzierung (Zweckbindung der Lkw-Maut) soll ein Straßenfonds eingerichtet werden, der aus dem "Benzinzoll", also der Mineralölsteuer, gespeist wird. Als "Wende" weg von der Schiene will man dies im Bundesamt für Verkehr nicht sehen. Die Finanzierung werde gesichert. (DER STANDARD Printausgabe, 31.10./1./2.11.2003)