Die Menschen sagen lustige Dinge über Colma. Zum Beispiel, dass Colma die "letzte Station" sei. Sie sagen das nicht nur, weil dort, 20 Kilometer südlich von San Francisco, die U-Bahn endet. Sie sagen auch, dass, wer dort lebt, froh ist darüber, in Colma zu leben. Die Freude ist in der Tat berechtigt, denn in den überwiegenden Fällen ist man tot dort. 1,5 Millionen, um es genau zu sagen, sind tot in Colma und haben auf einem der 16 Friedhöfe, die auf gut und gern fünf Kilometern links und rechts der Hauptstraße an den Hängen liegen, ihre letzte Ruhestatt gefunden.

Obwohl: Die 1100 Menschen von Colma können ganz gut leben mit den anderthalb Millionen Toten um sie herum. Den Spruch "Great to be alive in Colma" gibt es als bunten Aufkleber, und dass es leichter ist, in Colma auf einen Toten als auf einen Lebenden zu treffen, sagt sogar die Präsidentin der Historischen Gesellschaft von Colma, Patricia Hatfield. Dennoch, sie ist stolz auf ihre kleine Stadt: "Es ist herrlich ruhig, wir haben wunderschöne Parks, so gut wie keine Kriminalität und die Leute kennen sich noch alle."

Die Menschen in San Francisco freilich sehen das anders. Auch wenn Patricia Hatfield ihre Stadt "City of souls - Stadt der Seelen" nennt - für die Städter bleibt Colma die Stadt der Toten. Zu leben in San Francisco, dieser putzigen und protzigen, quirligen und
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Letzte Ruhe-Stadt

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gemächlichen Eine-Million-Einwohner-Stadt, das ist das eine. Hier zu sterben ist etwas ganz anderes. So stolz jeder und jede darauf ist, Einwohner von San Francisco zu sein: Nur wer lebt, darf bleiben. Die Toten müssen raus. Raus nach Colma.

Seit über hundert Jahren nämlich darf innerhalb der Stadt niemand mehr beerdigt werden. Es fehlt an Platz zwischen Twin Peaks, Russian Hill und Pazifikküste. Angezogen vom Goldrausch im 19. Jahrhundert kamen Menschen aus aller Herren Länder nach San Francisco, Chinesen, Italiener, Russen, Serben, Deutsche. Die Stadt wuchs und wuchs und mit ihr die Friedhöfe, und um die Friedhöfe herum drängten die Wohngebiete immer näher an die großen Grabfelder heran.

Den ersten Schritt tat San Franciscos Erzbischof Patrick William Riordan, der in den 1880er-Jahren dreihundert Acres (rund hundertzwanzig Hektar) Land in der weiten, sanft hügeligen und nahezu menschenleeren Gegend für die katholischen Einwohner von San Francisco kaufte. Als dort am 28. Februar 1887 die sterblichen Überreste von Timothy Buckley beigesetzt wurden, war sein Grabstein der Grundstein für Holy Cross Cemetery, den katholischen Heilig-Kreuz-Friedhof von Colma, dessen Management mit pietätvollem Stolz darauf hinweist, das Holy Cross mit heute 350.000 Gräbern der größte Friedhof von Colma ist.

Solches Pfründedenken ist Patricia Hatfield, der Präsidentin der Historischen Gesellschaft, fremd. Wenn sie Besuchern die Highlights der 16 "cemeteries" und "memorial parks" zeigt, beginnt eine Touristenführung, derart reich an Anekdoten und historischen Persönlichkeiten, dass man annehmen könnte, Colma wäre eine Stadt mit gewaltiger Vergangenheit. In Wahrheit bleibt es die Vergangenheit von San Francisco und die seiner Bürgermeister, Gouverneure, Verleger, Baseball- und Schauspieler, Fernsehlegenden, Industriellen und Banker, verrückten Lebenskünstler und armseligen Wohlstandsopfer, von deren Geschichten die Grabsteine in Colma schier endlos erzählen. Joe DiMaggio beispielsweise ist hier beigesetzt, der berühmte Baseballspieler und Ehemann von Marilyn Monroe, ebenso Jeans-Erfinder Levi Strauss und Westernheld Wyatt Earp.

Zu berichten wäre auch von Harry "the Horse" Flamburis, der Präsident der Hell's Angels war, der gefürchteten Motorrad-Rockergang. Flamburis wurde denn auch eines Tages tot aufgefunden - ermordet. Die Hell's Angels beerdigten ihn nach einem standesgemäßen Corso aus Hunderten von Motorrädern im Cypress Lawn Memorial Park, einem der Friedhöfe von Colma, die für alle Weltanschauungen offen sind. Zurück aber blieb seine Harley-Davidson. Und als den Freunden von Harry "the Horse" drei Wochen später aufging, dass die Maschine doch von niemand anderem gefahren werden sollte, öffneten sie kurzerhand sein Grab und begruben das Prachtstück auf dem Sarg des verstorbenen Präsidenten.

Ein paar Monate danach raffte es auch dessen Hund Chopper dahin, und auch seine Überreste wurden mit zweihundert dröhnenden Motorrädern eskortiert - bis zu seiner letzten Ruhestätte, die Chopper mitsamt Miniatur-Harley am Grabstein auf dem Pet's Rest fand, dem privat unterhaltenen Haustierfriedhof von Colma.

Außer Chopper liegen dort traut nebeneinander die beiden Westhighland-Terrier Barbarelle ("Sie verlangte nach so wenig, sie gab so viel", bekennt die Grabinschrift) und Tobi ("Er war ein guter Junge"), nicht zu vergessen Buttercup und Nutmeg, zwei rotbraune Kaninchen ("Ich küsse euch. Gute Nacht!"), deren Foto man in ebenso rotbraunem Marmor betrachten kann. Insgesamt sind es 25.000 Hunde, Katzen, Meerschweinchen und andere, die dort ihr Grab gefunden haben - von weißen Miniaturzäunen oder kleinen Buchsbaumhecken umgeben.

Es ist eben so: Die vielen Gesellschaften der multikulturellen Immigranten-Stadt San Francisco spiegeln sich auch jenseits des Lebens in der Stadt der Toten wider, und so gibt es des weiteren Friedhöfe für Japaner, Serbisch-Orthodoxe, den einzigen griechisch-orthodoxen Friedhof der USA, einen für Italiener und einen, der heute ein Golfplatz ist.

Dass in Colma alles andere als Friedhofsruhe herrscht, zeigen vor allem die Chinesen, wenn sie Chong Yan feiern, einen ihrer Totengedenktage. Hunderte von chinesischen Familien drängen auf den Hoy-Sun-Friedhof, beladen mit Campingstühlen und Kartons voll Speisen und Getränken. Einer von ihnen ist Paul Chen, 25 Jahre, aus San Francisco. "Die Chinesen glauben, dass die Toten in der Unterwelt sind und sich freikaufen müssen", erklärt er. "Sie brauchen unsere Unterstützung." Und darum werden an ihren Gräbern nicht nur gekochte Meeresfrüchte, gebackene Enten und ganze Spanferkel dargebracht und verspeist, man verbrennt außerdem Räucherstäbchen und in Metalltonnen Papier, das Geldscheine, Uhren und anderes Wertvolles symbolisiert. "Wir erkaufen uns so auch ihren Schutz für uns", sagt Paul Chen.

Patricia Hatfield beendet die Colma-Sightseeing-Tour mit einem Panoramablick von den St.-Bruno-Mountains oberhalb der Stadt. Lange, erzählt sie, waren Grabsteinmetze und Blumenhändler die einzigen Betriebe in Colma. Mittlerweile gibt es oberhalb des griechischen Friedhofs ein Einkaufszentrum, das etwas zu groß geraten ist für 1100 Einwohner. Vor allem aber reiht sich, mit Steuervorteilen angelockt, eine Autowerkstatt an die andere entlang der Hauptstraße zwischen den 16 Friedhöfen. "Wir sind froh über die Einnahmen", sagt Patricia. "Von Friedhöfen allein kann man nicht leben."

Sie selber, das ist klar, wird kein Grab in Colma haben. "Ich will in den Bergen als Asche in alle Winde verstreut werden." Ihr Mann und ihre Kinder verstehen sie nicht, sagt sie. Aber man ahnt, dass sie Größeres will für Colma. Totenstadt von San Francisco - das ist doch ein bisschen wenig. []